Geschichten aus dem Park

Ein bisschen wie in Shakespeares „Sommernachtstraum“ konnten sich die Besucher an den vergangenen beiden Wochenenden anlässlich einer besonderen Aufführung im Schacky-Park fühlen: Gespannt murmelnd folgte man dem mit Frack und Zylinder ausstaffierten Kunsthistoriker Thomas Raff auf ver­schlungenen Wegen zu vier geheimnisvoll ausge­leuch­teten Schauplätzen, um dort mehr über die Geschichte des Parks zu erfahren.

1903 hatte Baron Ludwig von Schacky auf Schönfeld begonnen, Grundstücke in Dießen zu erwerben, auf denen er einen großzügigen Landschaftspark anlegen ließ. 1909 entstand in exponierter Lage, mit Blick auf die Alpen und nach Andechs ein „bayrisch-asiatisches Teehaus“, das – mittlerweile fast vollkommen verfallen – vom Förderverein Schackypark neu aufgebaut wurde. Hier begegnet man in der ersten Szene aus „Gras soll nicht darüber wachsen – Geschichten aus 100 Jahren Schackypark“ dem Baron (Wolfgang Heinrich) und seiner Frau Julia (Nue Ammann). Letztere verfasste das Thea­terstück nach Briefen, Zeitungsausschnitten, Reden und anderen historischen Dokumenten, die der Dießner Heimatforscher Herwig Stuckenberger zusammengetragen hat. Politik, das erfährt man gleich im ersten Bild, war nicht die Sache des Majors a.D. Ihn und seine Frau beschäftigte die Planung eines Teehauses für ihren „Paradiesgarten“, und der Besuch des Dießener Malers Sebastian Wirsching (Stefan Rauwolf), der für die Ausgestaltung des pagodenartigen Gebäudes den Entwurf einer Madonna vorlegt, um im Gegenzug eine Rosenspende für ein traditionsreiches Dießner Kinderfest zu bekommen. Doch schon 1910 verstarb der Baron, drei Jahre später gefolgt von seiner Frau. Sein Besitz ging 1922 an den „Bauerndoktor“ Georg Heim (Sepp Wörsching), den die Zuschauer im nächsten Bild, ausgestattet mit Lederhose, Haferl­schuhen und Jagdgewehr auf einer Anhöhe oberhalb der Villa Diana kennenlernen. Heim empfängt seine Tochter Rosa, die mit ihrer Familie rasant im Pferdewagen heraufchauffiert wird. Der „Bauerndoktor“ wurde nicht in seiner Profession als Lehrer, sondern als politisch tätiger Mensch bekannt: Schon 1896 war er Abgeordneter im Bayerischen Landtag, später auch im Berliner Reichstag. Nach 1918 begründeter er die Bayerische Volkspartei und 1920 wurde er Präsident der Bayerischen Bauernkammer. Den Schacky-Park nutzte er, um seine landwirtschaftlichen Ideale zu leben und das einfache Leben zu genießen. Schon früh erkannte er die Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. 1933 verkaufte er den Park an die Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul, kurz Vinzentinerinnen genannt. Zwei Ordensschwestern, die Mutter Oberin (Margot Schmid), und Schwester Lioba (Carina Eckmann), sowie den Superior, Pfarrer Kriembacher, lernt man im nächsten Bild vor dem ehemaligen Entenhaus, einer kleinen Klause, im Jahr 1941 kennen. Sie sind in Sorge um die 150 Kinder, die sich damals im Dießener Kloster in „Kinderlandverschickung“ befanden. Wenige Tage zuvor war die Erzabtei St. Ottilien von den Nazis aufgehoben worden. Die Mönche, auch die Kranken, hatten das Kloster innerhalb weniger Stunden verlassen müssen. Die Tatsache, dass die Schwestern und ihre Kinder bleiben konnten, war wohl einem Schreiben Kriembachers an die Gauleitung zu verdanken. Denn die Machthaber trugen sich mit dem Plan, im Park eine Munitionsfabrik zu erbauen. Dann hätte die Geschichte Dießens vermutlich eine weitaus unglück­- lichere Wendung genommen. Letzte Station des von Nue Ammann liebevoll inszenierten und von den Darstellern engagiert umgesetzten Stücks ist der verfallene Delphinbrunnen. Hier hört man nochmals einige Szenen als Toncollage (Ton und Musik: Carli Stracke), die in der Dunkelheit des Parks und zur Musik des polnischen Komponisten und Geigers Henri Wieniawski (1835 - 1880) wirken, als würden die Vergangenheit geheimnisvoll zu uns herüber plätschern.

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