Nach unten treten

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Nur mit vier Schauspielern besetzten die Göttinger ihren gut inszenierten „Untertan“: Andrea Strube, Andreas Jeßing, Benjamin Kempf (von links) und Benedikt Kauff (hinten).

Landsberg – Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand und prahlerischem Auftreten: Diederich Heßling liebt den schlagenden Vater, der „fürchterlicher war als Gnom und Kröte“ und betet den Kaiser an. Er wechselt die Ansichten und Freunde, wie es ihm gefällt, allein auf Erfolg bedacht. Verantwortung zu übernehmen vermeidet er tunlichst. Diederich Heßling ist kriecherisch, feige, machtversessen. Er ist Heinrich Manns „Untertan“.

Nach dem brutalen Vater gibt die Burschenschaft Neuteutonia Diederich das gewünschte Regelkorsett. „Im Militär Gott, Kaiserreich und Vaterland dienen“ will Diederich zumindest nach außen hin … aber ach, der Fuß tut gar so weh, der Stabsarzt schickt ihn nachhause– wo er kapitalistisch-effizient die Papierfabrik seines Vaters übernimmt. Er weiß, was zählt: „Mein Weg ist der richtige.“ Die Fabrik gedeiht, dank Diederichs Schmeicheleien bei einflussreichen Personen. Nur einmal sieht man sein Wesen aufbrechen: Als er sich in Agnes verliebt und mit ihr schläft. Doch die Verbindung verspricht keinen Profit. Und so lässt er Agnes schnöde fallen, denn er „kann nicht ein Mädchen heiraten, das nicht ihre Reinheit mit in die Ehe bringt.“ Am Ende von Manns Roman will Diederich den Kaiser mit einer gestifteten Statue ehren. Doch ein Gewitter zieht auf und macht die geplante Enthüllung zunichte. Die Göttinger lösen das im Kleinformat: eine Spielzeugstadt mit Mini-Kaiser, die der Wind davonträgt. Diederichs Pappmascheeträume stürzen in sich zusammen.

Benedikt Kauff ist als Diederich absolut glaubhaft: keine übertriebenen Gesten, eine minimale und dennoch enorm wirksame Mimik. Auch Andreas Jeßing, Benjamin Kempf und Andrea Strube überzeugen. Sie springen zwischen Erzählern, die teilweise aus dem Roman zitieren, und weiteren Personen wie Diederichs Eltern oder Fabrikanten und deren Söhnen. Dabei darf Jeßing den Papierholländer mit holländischem Akzent vorstellen oder Kempf verdutzt sein, da er eine Frau spielen soll. Die vom Tisch verdeckte Sexszene wird augenzwinkernd von Schuberts „Gute Nacht“ am Klavier untermalt. Humor ist den Göttingern willkommen.

Heinrich Mann plante seinen Roman bereits 1908 und ab 1914 gab es den Roman als Vorabdruck in der „Zeit im Bild“. Bei Kriegsbeginn wurde dieser eingestellt: „Im gegenwärtigen Augenblick kann ein großes öffentliches Organ nicht in satirischer Form an deutschen Verhältnissen Kritik üben“, lautete die Begründung der Redaktion. Kurt Tucholsky bezeichnete den Roman als „das Herbarium des deutschen Mannes“, in dem dessen Wesen deutlich werde: die Sucht zu befehlen und zu gehorchen, Nationalismus und Zivilfeigheit. Heinrich Mann sah sein Schreiben als Handeln gegen die damalige Politik und flüchtete 1933 ins Exil.

Als Diederich den Fabrikanten Lauer wegen Majestätsbeleidigung vor Gericht zerrt, hält er eine Rede ans Publikum über das „Deutsch-Sein“. Die Göttinger Inszenierung lässt aber auch den Richter zum Publikum sprechen: „Entscheiden Sie sich“, verlangt der. Entscheiden, ob Untertanen wie Diederich mit ihrer nationalistischen Haltung an die Macht kommen sollen. Denn, so fragt das Programmheft: „Was, wenn Politik von ihnen gesteuert wird?“

Susanne Greiner

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