Die Feuerwehr beißt sich durch

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Moderne Rettungsgeräte scheitern nicht an der Carbonkarosserie. Nach wenigen Minuten sind die Türen aus dem nur zum Schein verunglückten BMW i3 herausgetrennt.

Landsberg – Der Einsatz von Carbonfasern im Auto ist eine neue Herausforderung auch für Werkstätten und Rettungskräfte. Ein Versuch des ADAC am Technikzentrum in Landsberg, sich mit Rettungsscheren- und Spreizern durch die leichten und strapazierfähigen Fasern vorzukämpfen, verlief erfolgreich.

Zwei Autos nach einem Frontalunfall. Das eine mit zerquetschtem Vorbau, das andere weniger beschädigt. Doch der Fahrer darin ist eingeklemmt. Für Feuerwehrleute sollte das kein unlösbares Problem sein. Rettungsschere und -spreizer haben sie dabei. Doch etwas ist bei dem Unfall, den der ADAC in seinem Technik-Zentrum direkt an der Autobahn München-Lindau simuliert hat, anders als sonst: Das Auto mit dem eingeklemmten Fahrer ist ein BMW i3. Ein Elektroauto und eines aus Carbon. Der Autoclub will herausfinden, ob die Bergung aus einem solchen Fahrzeug mit den Werkzeugen, über die die Feuerwehren bereits verfügen, möglich ist. 

Mit Maske 

Zumindest laufen einige einige Dinge ganz anders: Weil bei Schnitten durch Carbon Staubpartikel frei werden – und noch niemand weiß, was sie in der Lunge anrichten – tragen alle eine Atemschutzmaske. 

Nach den ersten Sicherungsmaßnahmen setzen die Feuerwehrleute an der Fahrgastzelle an. Sie öffnen das, was sonst die Motorhaube ist. Beim i3 verbirgt sich dahinter ein winziger Kofferraum und – überlebenswichtig – ein Schalter, die „Hochvolt-Rettungtrennstelle“. Wird dieser Schalter umgelegt, liegen an keiner zugängliche Stelle mehr die gefürchteten 400 Volt an. Mit dieser lebensgefährlichen Spannung ist Energie in der Batterie gespeichert, die den Motor und auch die Klimaanlage versorgt. 

Erst jetzt kann die eigentliche Rettung beginnen. Kraft haben die Druckluftgeräte im Überfluss. Sie entspricht 109 Tonnen – dem Gewicht von zwei Kampfpanzern. Hochfeste Stähle – kein Problem. Aber der neue Wunderwerkstoff Carbon? Die erfahrenen Retter der Augsburger Berufsfeuerwehr setzen an. Ein sattes Geräusch signalisiert: Material durchschnitten. Die Schere durchdringt das Material nicht wie Butter, sondern eher wie zähes Fleisch. 

„Blech reißt beim Schneiden ein“, erklärt Albert Kreuthmeier, Brandoberinspektor und in Augsburg zuständig für solche Rettungen, die Materialunterschiede. Carbon gebe dagegen nur dort nach, wo die Schere ansetzt. Also braucht man mehr Schnitte. Nach wenigen Schnitten ist der Boden mit dunkelgrauen Splittern übersäht. 

Nach nicht einmal fünf Minuten liegen beide Türen am Boden. Genug Platz, um auch Schwerstverletzte zu bergen. Dreimal noch wird der Spreizer angesetzt, dann sind auch die Beine des eingeklemmten Fahrers frei. Operation geglückt. Patient überlebt. 

Die Bilanz: Die Bergung auch bei einem Auto aus Carbonfaserstoff ist möglich. Seine Insassen stehen nach einem schwe- ren Unfall nicht schlechter da, als Menschen in einem Wrack aus Blech.

Martin Prem

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