Wie der harmlose Alex zum Täter wird

Harmlos könnte er sein, wie er so dasteht in löchrigen Jeans und Turnschuhen. Doch da ist die Pistole in seiner linken Hand. Der 17-jährige Alex zielt damit auf die Schulsekretärin und drückt schließlich sogar ab. Alle wussten von seinen Problemen, zum Beispiel von Mitschülern, die ihn mobbten. Irgendwann wird das zu viel für Alex – er wird wütend – er läuft Amok. Das „Tourneetheater Radiks“ aus Berlin hat am Donnerstag mit seinem Stück „Und dann kam Alex“ Jugendlichen der Beruflichen Schulen gezeigt, was Mobbing und Gewalt auslösen können.

Tancredi Volpert in der Figur des „Alex“ lässt dabei tief blicken – in die Seele eines Einzelgängers, eines Nichtbeachteten, eines Schwachen. Im Monolog erzählt er, was ihn bewegt, stört, ärgert. Da gibt es eine Mutter, die gar nichts mitbekommt. Nur ihre Stimme hört der Sohn von Weitem, ein weißer Vorhang trennt ihn von ihr ab. Die stets beschäftigte Mutter dringt nicht zu dem 17-Jährigen durch und er nicht zu ihr. Und auch einen Vater gibt es – aber der ist auf Montage. „Bier, Bier, Bier!“, erklärt die Figur Alex den FOS- und Berufsschülern, was seinen Vater ausmacht, wenn dieser mal nach Hause kommt. Und laut und angenehm ist dieser Mann, der auch nicht merkt, dass seine Frau ihn betrügt. Volpert grölt und wird handgreiflich, wenn er ihn nachmacht. Noch schlechter ergeht es ihm, dem Legastheniker, in der Schule, wo er ständig für die Spielchen der anderen herhalten muss: Ob Schultasche-Auskippen oder Bleistift-Wegzaubern – wie in einer Zirkus-Show lädt Alex die Mädchen und Jungen ein zu schauen, was mit ihm gemacht wurde. Irgendwie sind alle weit weg von dem 17-Jährigen – sogar auf dem Arbeitsamt, als die Beraterin Alex weg von sich auf einen Stuhl verweist. Mit der Zeit wird der Jugendliche, der sich für Computer interessiert und die Schule verlassen will, um ein Praktikum zu machen, immer wütender: Deshalb schreit Volpert jetzt auch in dieser Figur. Er tobt und rast auch durch die Publikumsreihen, um zu zeigen: Mit diesem Alex stimmt etwas nicht mehr. Als er dann mit Pistole (Alex ist im Schießclub, seine Mutter sagt bezeichnenderweise nur „Sportverein“ dazu) in der Schule auftaucht, ist es zu spät. Jeanette, in die er heimlich verliebt ist, die ihn auch immer nur veralbert hat, wird der Polizei später erzählen, was sich im Klassenraum abgespielt hat: „Da ging langsam die Tür auf und Herr Brand kam herein. Und dann kam Alex. Der kam auch ganz langsam. Die Pistole hat man zuerst gesehen und dann den Alex.“ Hier am Ende der Geschichte, wenn Alex beschließt seinem Leben ein Ende zu setzen, nimmt das Stück von Karl Koch seinen Anfang. Es ist der Moment, wenn Alex zu erzählen beginnt. Schön, dass es trotzdem keine Brutalität in dieser Inszenierung braucht, um deutlich zu werden, sondern sensibel bleibt. Der Stoff rauscht nicht vorbei und das liegt daran, dass Volpert und auch Darstellerin Julia Lowack , die ebenfalls alle weiblichen Rollen spielt, das junge Publikum miteinbeziehen. So fragt Alex einen Jungen in den hinteren Reihen: „Was hast du denn für Arschklamotten an?!“ Die Jugendlichen waren ziemlich beeindruckt von dieser Theaterstunde, denn sie versuchte Fragen zu beantworten: „Wie kann es dazu kommen, dass jemand Amok läuft? und was denkt jemand, der so etwas tut?.„Ich fand es sehr traurig“, erzählt die 18-jährige Rebecca Eder. Und Aurelia Albrecht staunte über den Hauptdarsteller: „Man hat gleich gemerkt, wann er welche Rolle eingenommen hat.“ Auf Kostümwechsel verzichtete Tancredi Volpert völlig. Dazu hatte er wohl auch keine Zeit, denn ein hohes Tempo wollte gehalten und viel aus Alex’ Leben erzählt werden. "Schon Jüngeren zeigen" „Dieses Stück sollte man eigentlich schon früher zeigen“, meinte die FOS-Schülerin weiter – um Jüngere aus den unteren Jahrgangsstufen schon auf Mobbing aufmerksam zu machen. Im Unterricht geht es für Rebecca und Aurelia und die rund 150 weiteren Schüler, die zusahen, nun weiter mit der Auseinandersetzung mit den Themen des Stückes. Denn: Was noch fehlte an diesem Schultheater-Morgen, den Schulsozialarbeiterin Undine Fülling organisierte hatte, sind Lösungsansätze. Das Ensemble Radiks hatte eben kein Happy End dabei – ließ die Schüler aber auch nicht allein, sondern lud noch zur Diskussion.

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