Philosophie Shared Space:

Freundliche Pappkameraden statt Tempo 20 

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Auf der Basis dieser Entwürfe sprach sich der Stadtrat für Aufsteller aus, auf denen Einzelhändler für mehr Rücksichtnahme werben könnten.

Landsberg – Der Stadtrat hätte gerne in den kommenden Wochen Tempo 20 am Hauptplatz; Verwaltung und Behörden halten das im Moment allerdings für nicht nötig und auch nicht machbar. Pappkameraden sollen’s richten.

Dass Ordnungsamtsleiter Ernst Müller in seiner Anfrage bei der Regierung von Oberbayern nicht allein den Stadt­ratswillen weitergab, sondern auch seiner eigenen Rechtsauffassung Ausdruck verlieh, sorgte für deutliche Worte in der jüngsten Stadtratssitzung. „Der Landsberger Stadtrat hat … beschlossen, dass … bis zur Wiederaufnahme der Bauarbeiten das Tempo auf 20 km/h begrenzt werden soll“, hatte Müller an Franz Kreuzer (Polizei) und Heinrich Fuchs (Regierung von Oberbayern) ge­schrieben, wenige Sätze später aber unter anderem auch festgestellt: Da im Moment keine Bauarbeiten stattfinden und damit kein „besonderes Gefahrenpotenzial“ ersichtlich sei, sei die „derzeit gültige Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h für die sichere Abwicklung des Verkehrs ausreichend.“

Nicht möglich?

Tatsächlich sahen Regierung und Polizei in ihren Antworten ebenfalls keine Möglichkeit, Tempo 20 anzuordnen. Die Fahrbahn sei zu erkennen und ausreichend abgesichert, so Kreuzer. Die Regierung ließ wissen, dass derzeit keine Gründe für eine Beschränkung vorlägen und man sich die Sache erst nach dem Umbau vor Ort genauer ansehen werde. Dann sei unter anderem zu prüfen, ob bei täglich „über 17000 Fahrzeugen auf der Staatsstraße 2054“ Vorrang für Fußgänger „überhaupt möglich“ sei.

Obwohl damit beide Adressaten die Ansicht zur Rechtslage teilten, stieß im Stadtrat unter anderem Dieter Völkel sauer auf, wie Müller vorgegangen war: „Diese nötigende Mail an die Regierung war nicht besonders hilfreich“, meinte der SPD-Fraktionssprecher. Noch deut­licher wurde Ludwig Hartmann, der sich „entsetzt“ zeigte. „Die politische Rüge der Fraktion der Grünen haben Sie“, wandte er sich an Müller und warf ihm vor, „die Entscheidung und den politischen Willen des Gremiums missachtet“ zu haben.

Das wollte Müller nicht auf sich sitzen lassen. Zum einen habe er nach seinem Urlaub von dem Beschluss erst aus der Zeitung erfahren, weil ihm weder ein Bericht der Verwaltung noch ein Protokoll vorgelegen hätten. Außerdem legte Müller Wert darauf, dass er lediglich „objektiv die Rechtslage geschildert“ habe, „dazu stehe ich auch. Jetzt wird gesagt, ich hätte denen die Worte in den Mund gelegt. Aber die Regierung von Oberbayern lässt sich von mir sicher nicht die Rechtsauffassung diktieren“. Eine weitere Diskussion unterband OB Mathias Neuner: „Herr Müller hat völlig korrekt gehandelt und keinen Fehler gemacht.“

Linien statt Schilder

Weit weniger Schwierigkeiten hatte Müller zuvor beim Thema Linien auf dem Hauptplatz erfahren. Mit fünf Gegenstimmen segnete der Stadtrat sein Konzept ab, wonach die Fahrbahn nach dem Umbau mit Seiten- und Mittellinien versehen wird. Dass es zu diesen Linien kaum Alternativen gab, machte der Amtschef deutlich: „Wir können das Parken auf dem Platz ansonsten nur durch Schilder verbieten“, so Müller, „das wären dann insgesamt 14 Schilder entlang der Fahrbahn.“

Mit den Linien vermeide man den „Stangenwald“ und könne zudem flexibel regeln, wo in den Platz eingefahren werden kann. Offen blieb in der Diskussion allerdings, warum sich scheinbar über diese Problematik bei der Planung niemand Gedanken gemacht hatte – Linien oder Schilder tauchten in den bisherigen Ansichten des „neuen“ Hauptplatzes nirgends auf. Reinhard Skobrinsky (BAL) konnte sich damit einfach nicht anfreunden. „Zum einen sieht man sie im Winter bei Schnee gar nicht und weiter frage ich mich, warum wir Fahrten nach Mindelheim und Biberach machen, wo man ohne Linien auskommt, wenn wir hinterher so etwas beschließen.“

Die Linien und damit die deutliche Markierung der Fahrbahn scheinen dem angestrebten „Shared-Space-Konzept“ auf den ersten Blick zu widersprechen. Stadtbaumeisterin Annegret Michler sieht das aber anders. Schon angesichts der in Deutschland geltenden Rechtslage sieht sie „in Shared Space kein definiertes verkehrsplanerisches Modell, sondern vielmehr eine Philosophie“. Und die könne auf vielfältige Weise ausgestaltet werden.

Erste Impressionen

Den Stadträten präsentierte Michler „erste Impressionen“ einer Marketingaktion, die sie mit Landsberger Einzelhändlern vor Ort entwickeln möchte. Schon an den Zufahrtsstraßen zum Hauptplatz könnten demnach Plakate angebracht werden, die zur Geschwindigkeits- reduzierung aufrufen. Auf dem Platz selbst wären Pappaufsteller mit bekannten Einzelhändlern, auf denen zur Rücksicht­- nahme gemahnt wird, eine Option. Michler: „Eine solche Aktion könnte man starten, wenn die Baustelle wieder geöffnet wird. Die Aufsteller könnten den Sommer über stehen und nach dem Winter dann noch einmal.“

Zwar trafen die ersten Entwürfe nicht den Geschmack aller Stadträte, doch OB Neuner setzte sich für die Marketingaktion ein. „Das ist ja ein Konzept; wir werden sehen, ob das dann genau so kommt.“ Die Räte genehmigten mit 14:11 sowohl die Aktion als auch die erforderliche Befreiung von der Landsberger Außenwerbe- und Son­dernutzungssatzung, um die „Pappkameraden“ überhaupt am Straßenrand aufstellen zu können. Stadtbaumeisterin Michler wies ausdrücklich darauf hin, dass das Konzept „erst erstellt wird und am Ende auch anders aussehen kann."

Christoph Kruse

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