Von Bestien und Franz Josef

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Dass Helmut Schleich der bessere Strauß ist, bleibt unangefochten. Der Kabarettist schlüpfte am Sonntagabend in unterschiedlichste Rollen und begeisterte sein Publikum auch mit unbequemen Pointen.

Landsberg – Spot auf „die Bestie von Dodlbach“: der Mund leicht nach unten gezogen, schwarze Kleidung, stierer Blick. Die „Bestie“ sitzt im Gefängnis, insgesamt gehen 14 Menschenleben auf ihr Konto. „Im Krieg hätte ich dafür einen Orden bekommen“, raunzt der Gefangene. Kein Alkohol sei im Spiel gewesen, „obwohl man damit vor Gericht Rabatt bekommt.“ Nichts davon war im Affekt, alles genau geplant, nur „für den Postboten kann ich nichts, der kam zu spät.“ Den Titel „Bestie“ hat ihm die Journaille verpasst. Dabei ist er doch gar keine. Er ist nur ehrlich.

Die „Bestie“ ist der Rahmen von Helmut Schleichs neuem Programm „Ehrlich“, vom s’Maximilianeum ins Stadttheater geholt. „Ehrlichkeit“, sagt eine von Schleichs Figuren, „ist ein riesiges Minenfeld, bei dem kein Räumkommando den Weg zeigt.“ Wieder ist Schleich der Sprachkünstler, der Mimikbeherrscher und zynische Satiriker. Scharf und bissig. Vielleicht mehr denn je. Altbekannte Charaktere begegnen dem Zuschauer wie der Methusalem der Gesangslehrer, Heinrich von Horchen, mit weißem Schal, Zylinder und massivem Speichelfluss. Und natürlich Franz Josef Strauß.

Aber auch neue Figuren bringt der Kabarettist auf die Bühne: den einfachen Stammtischbruder mit Doornkaatschorle, der seine Sicht der Dinge mit der Öffentlichkeit teilen möchte. Unnachahmlich dessen pantomimische Erzählung über einen Besuch des „Kirschgartens, von so einem Russen, Bechterew oder so“ in den Münchener Kammerspielen. Zweieinhalb Stunden, die Sprache in die Länge gezogen, rote Farbe fließt in Strömen, Schauspieler verrenken sich in komischen Bewegungen „zwischen Yoga und einem Bandscheibenvorfall“. Und er in der kurzen Lederhose, „ich dachte, der Kirschgarten sei ein Biergarten“. Schleich mimt auch den kreuzehrlichen Bürger, der sich vom zurückhaltenden Toleranzmenschen – „Religion ist Privatsache“ – zum schimpfenden Empörer wandelt: Da wird aus Gabriel schnell mal „der gwamperte Barockengel, der mit der einen Hand der Waffenlobby die Schuhe putzt und mit der anderen das TTIP-Abkommen unterschreibt.“

In die europäische Kerbe schlägt der Gesangslehrer: Öttinger als Digitalisierungskommissar sei auf dem Wissenstand von Konrad Zuse, Schulz erinnere ihn an einen Staubsaugervertreter, von der „Schnapspraline Jean-Claude“ ganz zu schweigen. Die hiesigen Politiker werden nicht verschont: Merkel ist von Kohl aus dem Ei ausgebrütet und Waigels Augenbrauen werden wie Pinocchios Nase jedes Mal ein bisschen länger, wenn er sagt: „Ich habe es nicht gewusst.“ Dem alten Herrn geht es auch um die Frage „Wie treten wir ab?“ Nicht allen sei das Glück gegeben, es so „wie das mentholgeräucherte Orakel von Hamburg zu schaffen“. Dabei darf Expapst Benedikt nicht fehlen: Von dem werden jetzt schon Schweißtücher als zukünftige, geldbringende Reliquien gesammelt – „sozusagen ein vatikanisches Nutztier.“

Schleichs Paraderolle bleibt natürlich Strauß, der „eigenhändig im Schneesturm nach Moskau geflogen ist“, nicht so läppisch wie sein sogenannter Nachfolger Seehofer. Zu seinen Zeiten, da waren die Bayern eben noch wer, „wir haben noch mit Panzern gehandelt, anstatt mit Modellautos“. Aber was wolle man auch mit einem Dobrindt, der eben nur ab und zu Intelligenz zeige: „Als es hieß ‚Die schwarze Null steht‘, ist er sitzengeblieben.“ Tief ist sie gesunken, seine CSU. Was, bittschön, sollen denn in Bayern „Freie Wähler“ sein? Die Wahl, das war früher „eine christlich soziale Wahlfahrt im liturgischen Gewand der Lederhose und des Dirndls“. Selbst ein Scharnagel könne mit seinem „Bayern kann es auch alleine“-Buch (oder eher Hefterl. Broschüre. Faltblatt) nichts reißen. Was sei Bayern inzwischen? Ein vom BR kultiviertes Land voller Separatistenfolklore. „Ein Freiluftmuseum, ausgestorbene Berufe, unverständliche Dialekte und mitten drin ein Promikoch, der Weißwürste paniert.“

Nein, gefällig ist der knapp 50-jährige Schleich nicht. Ab und zu herrscht nach den Pointen Stille, ein Raunen kommentiert das Gesagte, ein paar wenige Lacher blitzen auf. Kabarett muss auch mal unbequem sein. Sagt Schleich. Der begeisterte Applaus des Publikums im ausverkauften Saal gibt ihm ganz offensichtlich recht.

Susanne Greiner

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