Herkomer-Konkurrenz 2016

"Röhrende Ungeheuer" vor malerischer Kulisse

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Der Senior unter den Teilnehmern beim Start am Papierfleck: Das Oldsmobile Curved Dash am Start beim Papierfleck. Ohne Windschutzscheibe und ohne Lenkrad ist es fast noch eine Kutsche.

Landsberg – Freitag, halb neun. Auf dem Papierfleck am Mutterturm herrscht schon Betrieb. Ölstand prüfen, Messing polieren, Schwiegermuttersitz ausklappen. Die Teilnehmer der Herkomer-Konkurrenz bereiten sich auf die „West-Schleife“ durch die bayerisch-schwäbische Heimat Hubert von Herkomers vor. Vilgertshofen, Altenstadt und Waal, der Geburtsort des automobilbegeisterten Künstlers. Oberbürgermeister Mathias Neuner und Bürgermeisterin Doris Baumgartl winken die Startfahne. Und ein Schnauferl nach dem anderen fährt über die Startlinie.

Auf der Rückbank des Hotchkiss AM 80 aus dem Jahr 1927 sitzt es sich bequem. Man hat Platz. Viel Platz. Zwei Ausklapptischchen, kleine Schubladen, alles aus Holz, die Sitze aus Leder, am Boden Teppich. Gemütlich geht es am Hauptplatz vorbei die Neue Bergstraße hinauf. Sehr lässig. Unter der Haube des Sechszylinders stecken 85 PS, über 100 km/h sind drin. „Aber ich fahre selten über 80“, sagt Besitzer Hermann Redl aus Landsberg, „so ein Auto schont man.“ Muss auch nicht schneller sein: Der Fahrtwind ist stärker als gedacht.

"Schnauferl" auf der Landstraße

Am Straßenrand zum Bayertor stehen ganze Schulklassen und winken. Insgesamt starten über 50 Teilnehmer mit Autos aus den Baujahren 1902 bis 1930. Einer der Oldtimer „hatte keine Lust“, meint sein Besitzer. Sie haben eben ihre Mucken, die „Schnauferl“. Um die Mucken kümmert sich der ADAC, der mit zwei versierten, ehrenamtlichen Oldtimer-Mechanikern (beide knapp über 30) die Fahrt begleitet. Ihr Wissen ist bei einigen Wagen gefragt: Der Kleinste, der Le Zebre von 1909 mit gestandenen 5 PS, steht irgendwo mitten auf der Wiese und qualmt. Andere Liegengebliebene warten am Straßenrand, meistens in Gesellschaft anderer Teilnehmer. Man hilft sich gern untereinander. Beim Brasier von 1911 muss drei Kilometer vor dem Ziel ein Reifen gewechselt werden, ein anderer muss gar die Kardanwelle tauschen. Nur zwei geben ganz auf: Einer davon, der Bielefelder Dürrkopp Doppelphaeton, „kochte vor Freude“, lacht sein Fahrer wehmütig. Er bekam zum Trost den ADAC-Pechvogel-Preis.

"Wertungsprüfungen"

In Vilgertshofen ist die erste Wertungsprüfung: Wem ist die Wallfahrtskirche geweiht? Kein Problem natürlich. Es geht auch nicht darum, Wissen zu testen: „Wir wollen die Kultur des Landkreises zeigen“, sagt Mitorganisator Ulf von Malberg, „und um die Frage zu beantworten, muss man in die Kirche rein.“ Am Samstag ging es auch ins Rochlhaus nach Thaining. Nicht immer sind die Prüfungen ganz ernst: In Schondorf müssen die Fahrer die Farbe eines Modellautos ertasten.

Nach guten zwei Stunden fährt der Hotchkiss zur Mittagspause in Blonhofen ein. Einige Teilnehmer sind schon da, auch der Senior, das Oldsmobile Curved Dash von 1902. Ohne Windschutzscheibe und ohne Lenkrad – es gibt nur eine Lenkstange – ähnelt es sehr einer Kutsche. Dennoch, es ist das erste in Serie gebaute Auto, noch vor dem Ford T. Sogar mit Rückwärtsgang: „Bei Regen können wir rückwärtsfahren, dann werden wir nicht so nass“, schmunzelt der Besitzer Andreas Melkus.

Für "Gwamperte"

Daneben ein Oldsmobile aus Südafrika mit einem wegklappbaren Lenkrad – falls der Fahrer mal zu „gwampert“ sein sollte. Natürlich stehen dort auch einige Ford-Modelle. Für den Ford T galt die Farbdevise: „Den Ford gibt es in jeder Farbe, vorausgesetzt, es ist schwarz.“ Bei Farbengeschichten kann auch der kleine Citroën Trèfle im für ihn typischen Gelb punkten: Er diente als Vorbild für den Opel Laubfrosch – „Dasselbe in Grün.“

Neben ihm parkt ein seltener Luxus: Der Martini Six von 1927 mit passend gekleidetem Fahrer und Steinbock-Kühlerfigur ist sogar mit Intarsien geschmückt. Auch andere Luxuskarossen sind mit dabei: Ein französischer Delage imponiert mit Hupe in Schlangenform, der Mercedes beeindruckt durch satte 140 PS, beim Rolls Royce steht nur „circa 100 PS“: Angeblich hat die Firma nie die PS-Zahlen angegeben. Sie seien „ausreichend“. Noch ein edler Riese fährt mit: Der Packard 645 de Luxe Eight Dual Cowl Phaeton von 1929, auch aus Gangsterfilmen bekannt. Die auffallende Kühlerfigur „Goddess of Speed“ besitzt das Automobil nicht umsonst: Sie zeugt von göttlichen 120 Kilometern pro Stunde.

Zweihandschwert

Ähnlich groß aber ganz anders ist das Locomobile Speed Car: ein Dinosaurier. Herkomers Urteil über die Autos seiner Zeit als „röhrende Ungeheuer“ wird plötzlich nachvollziehbar. Mit seiner langen Schnauze dominiert das Gefährt die Restauranteinfahrt: Gewicht zwei Tonnen, die mit zwölf Zylindern angetrieben werden. „Es gibt Floretts und Zweihandschwerter. Der hier zählt eindeutig zu den Letzteren“, lacht sein Besitzer Lothar Lehr.

Daneben wirkt der Brush F von 1911 wie ein Spielzeug. „Ich liebe dieses Auto als Entschleunigungsmaschine“, erzählt Johannes Sczygiel. Der Brush ist etwas Besonderes. Sein Motor dreht sich „falsch“ herum, eine Sicherheitsmaßnahme: Wenn die Zündung nicht richtig eingestellt war und ein Rechtshänder das Auto mit der Kurbel anwerfen wollte, konnte es einen Rückschlag geben, dem gerne mal eine Hand zum Opfer fiel. Linksdrehend kann die Hand beim Rückschlag noch weggezogen werden. Zudem ist er noch so ein richtiges Holzauto. Und wenn er muckt, droht Sczygiel gerne mal mit der Motorsäge.

Alltagstauglich?

Herkomer hat mit der Konkurrenz einen Zuverlässigkeitswettbewerb gestartet. Denn die damals im Blickpunkt stehenden Automobile waren Rennwagen, die viel Staub aufwirbelten und von Passanten gerne mal mit Steinen beworfen wurden – „röhrende Ungeheuer“ eben, wie Herkomer sie nannte. Das Wort Rallye führt also auf die falsche Fährte. Herkomer wollte die Alltagstauglichkeit hervorheben. Auch heute ist die Konkurrenz eine beschauliche Fahrt ohne Stress und Hektik.

Die Pause ist beendet, weiter geht es nach Altenstadt zur romanischen Basilika St. Michael. Dann Waal, wo die Schmuckstücke vor der Schlosskulisse glänzen. Von dort die letzten Kilometer zurück nach Landsberg. Nach und nach trudeln alle Teilnehmer auf dem Hauptplatz ein. Besuchermassen drängen sich zwischen den Automobilen, bestaunen die Schnauferl von Nahem und plaudern mit den Fahrern.

Der Gewinner der vom KREISBOTEN präsentierten Herkomer-Konkurrenz 2016 ist der Renault AX von 1908 mit der Startnummer 12, das blau-goldene Auto mit der Kohlenschaufelhaube. Wer hätte das gedacht, als er am Samstagmorgen noch vom ADAC die neue Bergstraße hochgeschleppt werden musste. „Er kocht ganz gerne“, sagt Besitzer Wolf-Peter Moritz, als er mit sprotzendem Schnauferl auf dem Hauptplatz ankommt.

Locomobile-Fahrer Lehr lobt die Veranstaltung in höchsten Tönen: Das Roadbook sei klasse, die Strecken malerisch schön, das Essen wunderbar, die Organisation samt sympathischem ADAC hervorragend. „Eine rundum gelungene Oldtimer-Konkurrenz.“ Man könne ihm das wirklich glauben. Er sei mit seinem Dinosaurier schon bei vielen Rallyes dabei gewesen. Gewinnen scheint nicht so wichtig zu sein.

Susanne Greiner

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