Historischem Kleinod droht Abriss

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Außen Baudenkmal, innen Neubau – also laut Behörden ein Schwarzbau. Das historische Norwegerhaus im Echinger Malerwinkel soll deshalb abgerissen werden, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

Eching – Die Bauherren stießen im Jahr 1900 mit Henkell-Sekt auf das schmucke Norwegerhaus im idyllischen Echinger Malerwinkel an. Den jetzigen Besitzern ist nicht nach Feiern zumute. Ihnen droht die Abrissbirne. Das denkmalgeschützte Anwesen wurde durch diverse Umbauarbeiten angeblich seiner „historischen Substanz“ beraubt und gilt jetzt gar als Schwarzbau. Wenn kein Wunder geschieht, rücken bald die Bagger an im südlichen Bereich der Kaagangerstraße. Ein imposantes Viertel mit alten Villen und parkähnlichen Gärten direkt am Ammersee. Ende des 19. Jahrhunderts zogen prominente Künstler des Schwabinger Zirkels „Cocobello-Club“ nach Eching, darunter der noch heute bekannte Landschafts- und Kriegsmaler Hans Beat Wieland (1867-1945).

Er hatte 1898 in München Else Henkell geheiratet, die Tochter des Sektfabrikanten Rudolf Henkell. Mit ihr baute er im Echinger Kaaganger ein Landhaus im Norwegerstil, das die Familie 1900 bezog. Dem Paar wurden hier drei Kinder geboren. 1918 kehrte Wieland mit seiner Familie in seine Schweizer Heimat zurück. Aber jedes Jahr verbrachte er einige Sommermonate im Außenbereich von Eching, wo ihm sein Landhaus jetzt als Feriendomizil diente.

Das Norwegerhaus in der exotischen Farbe „Ochsenblutrot“ mit eigenem Bade- und Bootssteg war schon damals eine Sehenswürdigkeit. Auch wegen seinem sog. „Grossodendach“, einer in Skandinavien Jahrhunderte alten Tradition der Dachbegrünung. Im Sommer kühlt sie das Gebäude, im Winter schränkt sie den Wärmeverlust ein. Seine Liebe zu diesem Bau- und Lebensstil hatte Hans Beat Wieland 1897 entdeckt, als er die norwegische Küste für eine Serie von dokumentarischen Gemälden und Aquarellen bereiste.

1980 wurde das Norwegerhaus wegen seiner historischen Besonderheiten unter Denkmalschutz gestellt. Wielands Erben verkauften das Haus schließlich 1999 an den jetzigen Besitzer. Der legte anscheinend das Wort Renovierung zu großzügig aus und ließ Außen- und Innenwände neu aufmauern und vergrößerte auch die Deckenhöhe im Erdgeschoss. Von außen kaum erkennbar, wurde das Innere des Hauses laut den Baurechtsexperten im Landratsamt Landsberg seiner historischen Substanz beraubt.

Bei einer Baustellenbesichtigung meinte ein Mitarbeiter des Landratsamtes, er stehe „in einem kompletten Neubau“. Also wurde das über einhundert Jahre alte Haus als Neubau deklariert, der aber hier im Außenbereich der Gemeinde Eching nicht genehmigungsfähig sei. Ergo sei das Norwegerhaus ein Schwarzbau, der abgerissen werden muss. Gegen diese Beseitigungsanordnung des Landrats­amtes klagte der Besitzer.

Sowohl das Verwaltungsgericht als auch der Verwaltungsgerichtshof aber gaben den Baurechtsexperten im Landratsamt Landsberg für die Abrissanordnung recht, da ein Baudenkmal objektiv nicht mehr erkennbar sei. Ein Neubau nach dem Abriss sei auch nicht möglich, da die Familie nie in Eching gewohnt habe. Der Eigentümer zog jetzt einen letzten Joker und hat eine Petition beim Bayerischen Landtag eingereicht. Das Landratsamt will auf das noch ausstehende Ergebnis bis Februar 2017 warten, bevor der Amtsschimmel nach Eching reitet und tätig wird. Nichtsdestotrotz habe sich der Eigentümer inzwischen bereit erklärt, das Norwegerhaus abzureißen. Wobei man immer noch auf ein Wunder wartet.

Denn im Echinger Gemeinderat soll die sog. Außenbereichssatzung erneut behandelt werden. Es gehe darum, um die im Kaaganger stehenden Häuser – drei weitere Villen hier haben Denkmalschutz – Baufenster zu zeichnen, die im Grundriss den Größen des Bestands entsprechen. Doch laut Landratsamt, Oberster Baubehörde und Verwaltungsgerichtshof bestehe für die Außenbereichssatzung wenig Hoffnung. Die Voraussetzung, nämlich eine verfestigte Wohnbebauung, sei durch die wenigen Häuser im Malerwinkel nicht ausreichend gegeben.

Dieter Roettig

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