Holen oder bringen lassen? Wertstoff-Debatte im Landkreis

Holen oder bringen lassen? Der Frage nach der Regelung der Wertstofferfassung ist vergangene Woche in einer öffentlichen Fraktionssitzung beraten worden, zu der der SPD-Kreisverband durch den Vor- sitzenden Dr. Albert Thurner gemeinsam mit der Grünen-Fraktion geladen hatten. Rund 20 Interessierte waren gekommen, um auf Grundlage einer „gutachterlichen Stellungnahme zur Neukonzeption der Wertstofferfassung“ im Landkreis zu diskutieren: Soll der Gelbe Sack und die Blaue Tonne auch für Privathaushalte eingeführt werden und die Anzahl der Wertstoffhöfe verringert werden? Oder soll, wie der Umweltausschuss empfohlen hatte, das bisherige Bringsystem für die Wertstoffe beibehalten werden?

Gutachter Ludwig Buchbinder von der Schmidt/Bechtle GmbH aus Stuttgart erläuterte verschiedene Varianten der Wertstofferfassung. Eine Empfehlung gab er aber nicht. Das bisherige Bringsystem, das „typisch süddeutsch“ sei, habe sich in den vergangenen Jahren bewährt. Daher könnte es grundsätzlich weitergeführt werden. Der eher dünn besiedelte Landkreis Landsberg sei laut Buchbinder aber eher geeignet für die Art der Wertstofferfassung, bei der die Bürger Wiederverwertbares wie Leichtverpackungen und Papier selbst zum Wertstoffhof oder Depotcontainer bringen. Anlass für die gutachterliche Stellungnahme, die im Dezember 2008 Jahres im Auftrag des Landkreises erstellt worden ist, waren unter anderem die gesunkenen Einnahmen bei der Erfassung von Verkaufsverpackungen und bei den Rohstoffpreisen, zum Beispiel für Altpapier. Der Landkreis sei ein „Sonderfall“ aufgrund des Unterschiedes zwischen den Bedingungen in der Stadt Landsberg und den ländlichen Bereichen, betonte der Experte. Die Meinung vieler Anwesenden aus Stadt und Land spiegelte diese Sicht wider: Für Landsberg sei das bisherige Bringsystem (Variante 1) passender, für die Landgemeinden wurde das Holsystem (Variante 4) bevorzugt. Bei der „Hol-Variante“ der Wertstoffe würde es statt bisher 54 Wertstoffhöfe nur noch fünf geben, um beispielsweise Glas und Metallschrott zu sammeln. Wo die Höfe sein werden, ist noch unklar. Die Vereinssammlung von Altpapier fällt ganz weg. Der Landkreis muss für das Holsystem 150000 Euro an Mehrkosten aufbringen. Negativ für die Städter ist hier aber die Stellplatzproblematik: „Eine Ausstellungsecke für Müllbehälter mit Blauer Tonne, Biotonne, Restmüllbehälter und Gelben Säcken will schließlich niemand vor dem Haus haben“, fasste Buchbinder die Bedenken von Hausbewohnern mit wenig Platz zusammen. Und eine Altstadt voller Gelber Säcke? Keine schöne Vorstellung für das Ortsbild. Allerdings führte er an, dass die Blaue Tonne freiwillig sei und nicht von jedem „genommen“ werden müsste. Wo in kleinen Wohnungen der Altstadt die Gelben Säcke zu lagern seien, fragten sich ebenfalls viele der Anwesenden. Die Variante 4 noch zu verändern, zum Beispiel indem Stadtbewohner den Gelben Sack auch beim Wertstoffhof abgeben könnten, sei eingeschränkt realisierbar, antwortete der Gutachter auf die Frage nach einer Anpassung des Systems. „Dies muss aber eine Ausnahme bleiben, sonst ist es ein ,Systembruch‘.“ „Auf dem Land aber ist der Gelbe Sack, die bessere Lösung“, erklärte Hannelore Baur, aus Dießen. Ältere Leute könnten ihre Wertstoffe nicht allein entsorgen und seien auf Hilfe angewiesen. Der Wertstoffhof liege in Dießen zudem außerhalb. „Ein regelrechter Mülltourismus findet bei uns statt“, sagte die Kreis- und Gemeinderätin und verwies auf die Kohlendioxid-Bilanz, die die Fahrerei zum Wertstoffhof zur Folge habe. Für die Ammerseegemeinden sei das Holsystem die angenehmste Variante, befand Baur. Den sozialen Aspekt in der Wertstoff-Debatte zu beachten, forderte Sunna Schwarz von der Landsberger SPD. „Neben einem Wert- stoffhof zu wohnen, ist unzumutbar“, wies Schwarz dabei auf die Probleme der Anwohner beim Bringsystem hin. Dass die Sammelstellen zu sozialen Treffpunkten geworden wären, merkte Herbert Szubert aus Igling an. Er sprach sich dafür aus, deren Mitarbeiter nach ihrer Meinung zum Holen oder Bringen zu befragen. Von einer generellen Umfrage bei den Landkreisbürgern riet Gutachter Buchbinder indes ab. Das Meinungsbild, das durch die Teilnehmer der Ausschüsse zustandekäme, sei bereits repräsentativ. Zwei Systeme zuzulassen, mit einer Stadt- und Landvariante, hält er nicht für möglich. Weitergeführt wird die Wertstoff-Debatte von den Mitgliedern des Kreistages in der Sitzung am 21. April. Dann muss nach aller Diskussion eine definitive Entscheidung, entweder für die Bring-Variante 1 oder die Hol-Variante 4, ge- troffen werden.

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