Stehpartys verbieten

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Der Schines, Käptn Wheelchair und Suzie Diamonds (Manuel Dengler, Maximilian Dorner und Susanne Plassmann, von links) boten im Oberdießener Malura-Museum einen beeindruckenden Abend ohne politisch-korrekte Verkrampfungen.

Oberdießen – Einen politisch korrekten Abend ohne Verkrampfungen verspricht das Programmheft. „Suzie Diamonds & Käptn Wheelchair (sowie Schines) retten die Nacht“ – Schines auf der zweiten Silbe betonen – bietet auf jeden Fall verkrampfungsfreie Unterhaltung zum Thema Inklusion und Integration. Gerade weil die drei Schauspieler sich nicht auf das politisch Korrekte versteifen. Der Theaterabend stand im Rahmen der Inklusionstage des Landkreises Landsberg und wurde vom Inklusionsbeirat und dem Freundeskreis des Malura-Museums organisiert. Und trotz Hochsommerhitze kamen am Freitagabend über 60 Besucher ins malerische Oberdießen.

Wir befinden uns auf einem Kreuzfahrtschiff, der letzte Abend mit dem legendären Captains Dinner im Kaiserin-Elisabeth-Saal. „Natürlich ist auch dieser Saal barrierefrei zugänglich“, versichert Käptn Wheelchair: „Schlagen Sie sich irgendwie zum Heck nach vorne durch, von dort mit dem Aufzug – der ist etwas schmal, aber das schaffen Sie schon – in den zweiten Stock. Da ist ein abschüssiger Gang, aber keine Sorge, es gibt einen Poller auf Kniehöhe, der bremst.“ Danach der Lastenaufzug in den Maschinenraum… „Ach vergessen Sie’s! Wir bieten Ihnen hier im Margot-Honecker Saal ein Ausweichprogramm der Spitzenklasse!“

Suzie Diamonds (Susanne Plassmann) und Käptn Wheelchair (Maximilian Dorner) werden vom zum Pianisten umfunktionierten Küchenjungen, dem Schines (Manuel Dengler) begleitet. Was nun kommt, ist eine Mischung aus Kabarett, Theater und Musical, vermengt mit klugem Humor, zynischem Ernst und einem grandiosen Schluss. Dabei werden nicht nur die Diskriminierungen des „rollenden Kapitäns“ gezeigt. Auch die des „Ausländers“ – der Küchenjunge mit deutschem Vater und philippinischer Mutter – und die der „lustigen Person“, der Frau Suzie. Plassmann und Dorner kennen sich schon über 20 Jahre, Dengler lernten sie erst im Herbst vergangenes Jahr kennen. Alle Drei studierten an der Bayerischen Theaterakademie August Everding.

Suzie ist als Stewardess auf dem Schiff gelandet und präsentiert leicht bekleidet Bademäntel. Eigentlich ist sie ja Schauspielerin. „Und damals in Berlin, da haben wir noch Kunst gemacht“, Faust im Weltall, da sollte sie sich auch schon ausziehen. In einem Interview gibt sie zu, auf Hilfsmittel zurückzugreifen, um mit ihrem Dasein als Frau zurechtzukommen. Ihr Interviewer: „Du sprichst, in Anführungszeichen, von Hosen.“ „Wer wird als Frau denn schon geboren, man wird zur Frau doch erst gemacht“, singt Suzie inbrünstig den Schlagerhit Milvas.

Der Pianist wird von Käptn und Suzie mit zynischen Kommentaren versorgt oder gar nicht beachtet. Der Ausländer als Küchenhilfe, das Schlitzauge. Er bleibt zurückhaltend, begleitet devot. Doch ab und zu bricht es aus ihm heraus. Wenn er dann plötzlich seine (sehr gute) Singstimme anhebt und das Schlaflied aus Humperdincks „Hänsel und Gretel“ singt, erntet er den Kommentar: „Was will der denn? Als wären wir zwei nicht schon diskriminiert genug.“ Kein Wunder, dass ihm da zwischendurch auch mal ein leidenschaftlicher Rachmaninow entkommt.

Die Einlagen des Käptn schwanken zwischen purem Zynismus und bitterem Ernst. Er sitzt auf der Bühne und singt „Streets of London“, ein Lied über die vergessenen Mitglieder der Gesellschaft. Doch dann unterbricht er: „Wenn jemand mit Rollstuhl auf der Bühne steht, müssen Sie nicht betroffen gucken.“ Wenn ihn jemand mit Dackelblick frage, wie er helfen könne, dann seien seine Kontonummer und 1000 Euro monatlich eine angemessene Antwort. Wenn er an die Regierung komme, werde er „Betulichkeit unter Strafe stellen. Ein Straflager in der Nähe von Stuttgart für alle Stadtplaner bauen, die immer noch Kopfsteinpflaster verwenden. Und Stehpartys verbieten.“

Das Ende naht: „Der Untergang.“ Nach dem geschrammten Eisberg tritt die Wahrheit zu Tage. Suzie: „Eigentlich bin ich keine Stewardess. Ich bin Schauspielerin.“ Der Pianist tritt in einem feuerroten langen Abendkleid auf. „Rise like a Phoenix“ hat auch Conchita Wurst nie besser gesungen. Und der Käptn gesteht, eigentlich gar nicht gehbehindert zu sein: „Sobald die Lichter ausgehen, werde ich ein Seil spannen und darauf balancieren.“ Die Lichter gehen aus. Zwei Helfer tragen ihn samt Rollstuhl von der Bühne.

Susanne Greiner

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