Ingo Lehmann ist abgewählt!

Als Wahlleiter Norbert Kreuzer (rechts) am Sonntagabend gegen 19.45 Uhr das vorläufige Wahlergebnis im Bürgerbüro verkündet herrscht Gewissheit: OB Ingo Lehmann (links neben Kreuzer) ist abgewählt. Foto: Kruse

Um 18:44 Uhr entspannten sich die Gesichtszüge von Mathias Neuner endgültig. Der letzte der 23 Stimmbezirke war ausgezählt, es stand fest: CSU-Kandidat Neuner geht als Überraschungssieger vor Ludwig Hartmann (Grüne) in die Stichwahl am 25. März um das Amt des Oberbürgermeisters. Etliche andere Mienen, nicht nur die der anwesenden SPD-Stadträte wirkten dagegen bestürzt: Zu unerwartet und zu deutlich fiel die Niederlage von Amtsinhaber Ingo Lehmann aus: Nur noch jeder vierte Wähler entschied sich für ihn.

Lehmann selbst war sichtlich getroffen und rang um Fassung. Er habe seit der „Derivat-Geschichte“ mit diesem Ergeb­nis rechnen müssen, habe es aber nicht erwartet, so der 61-Jährige. „Ich habe unter sehr schweren Bedingungen gekämpft und verloren, so ist das im Sport und in der Politik. Ich habe gedacht, ich könnte das, was in den letzten Monaten passiert ist, wettmachen, aber ich habe es nicht geschafft.“ Ans Hinwerfen indes denkt Lehmann nicht: „Ich mache selbstverständlich meine Arbeit weiter. Ich habe zwar noch Urlaub zu nehmen, aber ansonsten mache ich meinen Job bis zum 30. April weiter, werde bis zum letzten Tag meine Pflicht erfüllen.“ Danach ging es im privaten Kreis an die Bewältigung der Niederlage. „Ich habe im Wahlkampf viel Unterstützung von meinen Freunden erfahren, so wird das auch jetzt wieder sein.“ Unter Tränen umarmte er einige Mitarbeiter der Verwaltung. „Sie sind hinter mir gestanden, als es zuletzt viel Unruhe gab.“ Dagegen wurde in den anderen Lagern gefeiert. Mathias Neuner gehörte zu den wenigen, die vom Ergebnis „nicht wirklich überrascht“ waren. „Wir haben einen sehr langen und sehr aktiven Wahlkampf geführt, ich habe schon damit gerechnet, gut abzuschneiden“, meinte der 45-Jährige, als das Ergebnis feststand. „Es ist uns gelungen, das bürgerliche Lager an die Urnen zu bringen. Von einer hohen Wahlbeteiligung profitiert eigentlich immer die CSU.“ Auch für die Stichwahl ist er sehr zuversichtlich. „Ich denke, die Landsberger wollen einen Neuanfang, aber sie wollen auch eine solide Politik der bürgerlichen Mitte.“ In den Tagen bis zur Wahl will Neuner „jetzt noch einmal richtig Vollgas geben.“ Und das hat er mit seinem Konkurrenten in der Stichwahl gemeinsam. Der zweitplatzierte Ludwig Hartmann sagte noch am Wahlabend alle Termine außerhalb Landsbergs bis zum 25. März ab. „Ich werde jetzt von Haustür zu Haustür gehen, mich werden viele Leute persönlich kennenlernen. Einige Landsberger denken noch, ich wäre zu jung für dieses Amt und könnte die Verantwortung nicht übernehmen, die will ich vom Gegenteil überzeugen.“ Im Gegensatz zu Neuner hatte der 33-Jährige nicht mit einem so guten Resultat gerechnet. „25 Prozent hätte ich schon als perfekt gesehen, bei über 30 fällt mir fast nichts mehr ein“, so Hartmann. Schwer einschätzbar Einiges wird in der Stichwahl davon abhängen, welche Wahlempfehlungen die anderen Parteien abgeben werden. Hart­mann glaubt, dass „die rote Seite schwer einzuschätzen“ sei, nachdem er OB Lehmann im Wahlkampf hart angegriffen habe. Dagegen erhofft er sich „die eine oder andere Stimme von den Piraten.“ Die waren aber an diesem Abend erst einmal damit beschäftigt, die 7,6 Prozent für ihren Kandidaten Eric Lembeck zu feiern. „Damit können wir sehr zufrieden sein“, freute sich Lembeck. „Man sieht, dass die Landsberger einen Politikwechsel wollen. Das ist eine gute Ausgangsposition für die nächsten Wahlen.“ Für die Stichwahl geben die Piraten ihren Wählern indes keinen offiziellen Ratschlag. „Die Leute sind intelligent genug, selbst zu entscheiden, wen sie wählen sollen“, sagt Kreisvorsitzender Tobias Frage. Während mit Spannung erwartet wird, wie sich die SPD nach Lehmanns Niederlage positioniert, darf Neuner nun zumindest darauf hoffen, dass sich seine eigene Fraktion geschlossen hinter ihn stellt. Die hatte am Tag vor der Wahl für Aufsehen gesorgt: 64 mehr oder minder prominente CSU-Mitglieder und -Sympathisanten warben in einer Zeitungs­anzeige für ihren Kandidaten – die Namen einiger namhafter CSU-Stadträte fehlten allerdings. Zumindest der christsoziale Bürgermeister Norbert Kreuzer hat dafür eine plausible Erklärung: „Als Wahlleiter war ich neutral und werde das auch in der Stichwahl bleiben. Außerdem werde ich mit jedem Oberbürgermeister so loyal zusammenarbeiten, wie ich das mit Ingo Lehmann getan habe; gleichgültig, wer es wird.“ "Kurzzeitgedächtnis" Lehmanns Abwahl wiederum traf auch Kreuzer hart: „Ich erlebe das zum zweiten Mal und es tut diesesmal mindestens so weh wie damals bei Franz-Xaver Rößle. Das ist nicht schön, besonders, wenn man so ein Ergebnis vorlegen kann wie Ingo Lehmann." Die Wähler hätten offenbar nur noch ein Kurzzeitgedächtnis. „Die zehn, elf Jahre davor werden überhaupt nicht mehr gesehen.“ Aus dem Bürgerbüro: Aufgeregte Wahl-Stimmung Landsberg – So lief der OB-Wahl-Abend im Bürgerbüro der Zentralen Stadtverwaltung ab. Eine Chronologie. • 18:02 Uhr. CSU-Kandidat Mathias Neuner betritt mit Ehefrau Renate und seinem Wahlkampfteam das Bürgerbüro. Zahlreiche Mitarbeiter der Verwaltung, Stadträte, interessierte Bürger und Medienvertreter sind bereits an­wesend. Auch Andreas Tillmann (FDP) kommt. OB Ingo Lehmann bleibt erst mal zu Hause und lässt sich telefonisch informieren, will sich „von der aufgeregten Stimmung nicht anstecken lassen.“ • 18:08 Uhr. Wahlleiter Norbert Kreuzer verkündet mündlich: „Die erste telefonische Schnellmeldung kommt aus Ellighofen. Lehmann klar vor Neuner, Hartmann abgeschlagen.“ Die Zahlen dazu leuchten sogleich auf dem Groß­- bildschirm auf: 43 Prozent hat Lehmann in dem Stadtteil erhalten, Neuner 31, Hartmann 17, Pirat Lembeck 9, die FDP hat noch keine Stimme. • 18:15 Uhr. Nach drei ausgezählten Stimmbezirken wird es eng. Nur noch drei Stimmen liegen zwischen Lehmann und Neuner, eine Stich­- wahl scheint möglich. Hartmann hat jetzt 24 Prozent. • 18:21 Uhr. Nach acht von 23 Bezirken ändert sich die Lage dramatisch. Neuner wird mit rund 34 Prozent angegeben, der Wert wird sich bis zum Ende der Auszählung fast nicht mehr verändern. Hartmann überholt erstmals Lehmann: 30,6 Prozent für den Grünen, 26,3 für den Amtsinhaber. • 18:33 Uhr. 16 Bezirke sind ausgezählt, der Abstand zwischen dem roten und dem grünen Balken ändert sich fast nicht mehr. Langsam wird klar: Ingo Lehmann ist schon nach der ersten Runde aus dem Rennen. Die ersten SPD-Stadträte verlassen mit versteinerten Mienen das Rathaus. Inzwischen ist auch Eric Lembeck eingetroffen und staunt über sein gutes Ergebnis. • 18:44 Uhr. Das vorläufige Ergebnis steht fest, Neuner nimmt als erstes die Gratulation seiner Frau und die von Tillmann entgegen. Der FDP-Mann trägt seine zwei Prozent mit Fassung. • 18:50 Uhr. Ingo Lehmann betritt das Rathaus, gibt ein kurzes Statement ab und stellt sich sogleich den Fragen der Medienvertreter. Als letzter der Kandidaten kommt Ludwig Hartmann in das Bürgerbüro und ist ebenfalls gleich ein gefragter Interviewpartner. • 19:05 Uhr. Das Gebäude leert sich schlagartig – je nach Parteizugehörigkeit und Erfolg geht es zur Wahlparty oder zur Aufarbeitung.

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