Die Schranke im Kopf

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Warten, bis ein Auto hält: Für Menschen mit Gehbehinderung ist die Überquerung der Hubert-von-Herkomer-Straße eine Herausforderung.

Landsberg – Bei strömendem Regen durch die Landsberger Altstadt – wie anstrengend das für einen Menschen im Rollstuhl ist, konnte man vergangene Woche an der Seite von Christoph Jell erleben. Er ist im Stadtrat der Beauftragte für Menschen mit Behinderung und selbst Betroffener. „Gleich hier am Rathaus geht es mit Inklusion los“, sagt Jell zu Beginn der Führung. Es sei angedacht, die Rathaustoilette zu schließen, eine der wenigen behindertengerechten Toiletten in Landsberg. „Das wäre wirklich schlimm.“

Vom Rathaus aus fährt Jell im Rollstuhl Richtung Straße zu der immer noch nicht markierten Stelle, an der die „Problem-Rinne“ abgeschliffen ist. Mit ein bisschen Schwung wäre es dort per Rollstuhl gut möglich, über die Straße zu kommen. Aber Schwung nehmen geht nicht: Erst einmal ist Warten angesagt, bis endlich ein Autofahrer anhält. An der Buchhandlung Osiander vorbei Richtung Sparkasse wird Jell geschoben. Für einen Menschen im Rollstuhl ist die Steigung dort eine ziemliche Herausforderung. 

Der Eingang zur Tiefgarage im Schlossberg ist von dieser Seite per Rollstuhl kein Problem: „Aber wenn Sie von oben die Neue Bergstraße entlang kommen, sind da, wo der Gehweg aufhört, leider nur noch Stufen.“ Um zurück zur Fuß- gängerzone zu kommen, muss Jell wieder zur Rillenquerung. Warten. Nach ungefähr 20 vorbeirauschenden Autos kann er über die Straße. 

Auf Lechkiesel 

„Das Kopfsteinpflaster hier in der Fußgänger Ludwigstraße ist schon in Ordnung“, das gröbere auf dem Georg-Hellmairplatz macht Jell jedoch Probleme. Hinter der Stadtpfarrkirche gibt es einen Behinderten- parkplatz; „Was diese Parkplätze angeht, ist Landsberg gut aufgestellt“, betont UBV-Stadtrat Jell, „aber warum dieser hier genau da sein muss, wo das Pflaster aus Lechkieseln besteht, verstehe ich nicht ganz.“ Es sind viele Kleinigkeiten, die für Menschen mit Behinderung zu großen Einschränkungen werden können. 

Auf dem Rückweg vom Vorderanger durch die Ludwigstraße muss Jell mehrmals pausieren. Es geht zwar nur leicht bergauf, aber mit Rollstuhl ist es eine Herausforderung. Christoph Lauer, Geschäftsführer der Lebenshilfe Landsberg, bietet seine Hilfe an: „schieben?“. Jell möchte alleine fahren, auch um zu zeigen, wie anstrengend es ist. „Inklusion bedeutet ja, dass man als Mensch mit Behinderung so viel wie möglich alleine machen kann, ohne auf jemand anderen angewiesen zu sein.“ Natürlich sei es gut, dass die Leute Hilfe anbieten, „und das wird auch immer mehr“, betont Jell. Dass die Hilfe aber auch abgelehnt wird, liege genau an diesem Bedürfnis nach Selbständigkeit. 

Christoph Jell ist mit den baulichen Maßnahmen für gehbehinderte Menschen in der Lech- stadt zufrieden. Informationen über das, was möglich ist und was nicht, bekomme man direkt bei der Stadt oder auch bei den Offenen Hilfen Landsberg, informiert Lauer. Aber das allein genüge nicht, da sind sich Jell und Lauer einig: „Barrierefreiheit bedeutet mehr als nur Rampen bauen. Die Schranken sind vielmehr im Kopf jedes Einzelnen.“ 

Auf Augenhöhe 

Lebenshilfe-Chef Lauer sieht eine große Unsicherheit im Umgang mit Menschen mit Behinderung. Es gebe aber ganz einfache Dinge, an die man sich halten könne. So sei es für einen Menschen im Rollstuhl angenehmer, wenn der Gesprächspartner sich hinsetzt: „Das ermöglicht ein Gespräch auf Augenhöhe. Und genau darum geht es.“

Susanne Greiner

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