"Irreführend, falsch, deplatziert" – Irritationen um das neue Kauferinger Mahnmal

Bereits vor der feierlichen Enthüllung des zentralen Mahnmals der KZ-Gedenkstätte in Kaufering äußern einige Historiker erhebliche Bedenken. Das von Dr. Friedrich Schreiber gestiftete Mahnmal sei neben dem Bahnhof „deplatziert“, die Symbolik sowie der Text auf der Tafel „irreführend“ und „falsch“. Das sagt die Landsberger Historikerin Dr. Edith Raim, die über den Außenlagerkomplex Kaufering promoviert hat. Deutliche Kritik gibt es zudem von Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, die explizit die auf der Tafel aufgeführte Zahl von „etwa 20000 Toten“ für nicht belegt hält.

Noch deutlicher fällt das Urteil der Landsberger Historikerin aus: „Die Zahl von 20000 Toten ist falsch“, so Dr. Raim, „wir haben Herrn Schreiber mehrfach im Vorfeld darauf hingewiesen.“ Auch eine Einladung, um ihm die historisch belegbaren Fakten zu verdeutlichen, habe er ignoriert. Zwar geht Raim ebenfalls von rund 30000 KZ-Häftlingen aus – „diese Zahl ist belastbar“ –, jedoch sei es problematisch genaue Zahlen zu belegen, da gerade in der Endphase des Dritten Reiches aufgrund der massiven Zunahme der Deportationen große Wirrungen herrschten. Die Zahl von 20000 Toten indes kann die Historikerin nicht bestätigen. Denn nicht für alle Häftlinge sei Kaufering die Endstation gewesen. Einige seien in die Lager Bergen-Belsen oder Leitmeritz verbracht worden. Auch könne man nicht davon ausgehen, dass die verbliebenen 10000 KZ-Häftlinge von Kaufering, dies habe die letzte Zählung ergeben, alle auf Todesmärschen nach Dachau getrieben wurden. Darüber hinaus hält Dr. Raim das von Prof. Hubertus von Pilgrim geschaffene Mahnmal, das an die Opfer der KZ-Lager in Kaufering erinnern soll, für eine Art „Themaver- fehlung“. So stehe das Mahnmal, welches es mit anders lautenden Inschriften in der Region ebenfalls gibt, von seiner Symbolhaftigkeit für die Todesmärsche und nicht für die KZ-Außenlager. In gewisser Weise sei dies eine Verharmlosung dessen, was die Menschen in den Lagern über mehrere Monate hinweg erleiden mussten. „Ohne das unendliche Leid auf den Todesmärschen schmälern zu wollen, aber diese Märsche dauerten in der Regel nur wenige Tage“, so Raim. Insofern sei auch der Text der Gedenktafel „irreführend und ver- mittelt für den Ort Kaufering etwas völlig Falsches“. Raim: „Das Mahnmal mit seiner Symbolik (Todesmarsch) und Inhalt steht am Kauferinger Bahnhof völlig deplatziert.“ Denn nicht alle der rund 30000 KZ-Häftlinge seien am Kauferinger Bahnhof angekommen. Einige seien nach Utting oder Türkheim deportiert worden, ohne Kaufering je gesehen zu haben. „Kaufering war“, so Raim, „ein Lagerort und nicht nur Marschstation.“ Vorab besser informieren Auch die Methoden der Realisierung des Mahnmals seitens der Gemeinde und des Stifters Dr. Schreiber hält die Historikerin für sehr be- denklich: „Die Gemeinde hat sich damit nicht wirklich einen großen Gefallen getan. Da sich das Mahnmal im öffentlichen Raum befindet, hätte es hier im Vorfeld einer öffentlichen demokratischen Legitimation bedurft.“ Darüber seien sich laut Raim die Denkmalexperten einig. Sie finde es schade, dass sich die Gemeinde in gewisser Weise durch den Stifter des Denkmals „mittels einer moralischen Keule hat erpressen lassen“. Zwar sei die Initiative, an die Opfer der Nazizeit in Kaufering zu erinnern, eine wünschenswerte und hoch anzurechnende Sache, jedoch dürfe diese nicht irreführend und deplatziert sein. „Vielleicht wäre es besser gewesen, dass sich die Gemeinde und auch Herr Schreiber im Vorfeld besser bei den Experten informiert und einen öffentlichen Dialog gesucht hätten.“ Was jetzt am Kauferinger Bahnhof steht, sei ein „Schmarrn mit falschem Inhalt und falscher Symbolik.“ Deutliche Kritik auch von Dr. Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau. Die Zahl von 20000 Toten sei aus ihrer Sicht nicht belegt. Darüber hinaus sei die vom Verein „Gedenken in Kaufering“ aufgestellte „Lager-Rangliste“ nach der Sterblichkeit der Gefangenen „leider ebenfalls fehlerhaft“. „Mittels der Liste, die die prozentuale Todesrate aufstellen soll, versucht Dr. Schreiber zu belegen, dass die Todesrate im Lagerkomplex Kaufering höher war, als in allen anderen Konzentrationslagern. Dieses Vorgehen halten wir für kontraproduktiv und wissenschaftlich nicht belegt“, betont Hammermann. Im Archiv der KZ-Gedenkstätte Dachau ließen sich namentlich 6094 KZ-Tote in den Kauferinger Lagern nachweisen. Darüber hinaus gibt die Gedenkstättenleiterin zu bedenken, dass sich im Jahre 1949 eine Kommission auf die offizielle Schätzzahl von insgesamt 14500 Toten geeinigt hat. Diese Zahl hält Historikerin Dr. Raim ebenfalls für realistisch – bei einer Toleranz von 1000 bis 2000 nach oben oder unten. Prof. em. Dr. Karl Filser hält die Zahl von 20000 Toten ebenfalls für „deutlich zu hoch“. Der Historiker und emeritierte Hochschullehrer der Universität Augsburg hat sich über viele Jahre intensiv mit dem Thema und den Kauferinger Lagern wissenschaftlich befasst. "In Gedenken der Toten" Mahnmahl-Stifter Dr. Friedrich Schreiber, zugleich Sprecher des Vereins „Gedenken in Kaufering“, möchte sich im Vorfeld der Mahnmal-Einweihung am kommenden Sonntag „in Gedenken der Toten“ nicht zu diesem Thema äußern. Er bot dem KREISBOTEN aber an, zu einem späteren Zeitpunkt seine Sicht der Dinge ausführlich zu erläutern.

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