Zur "Häschenfrau"

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Isolde Marx leitete den ersten Kindergarten im SOS-Kinderdorf in Dießen.

Dießen – „Was der Saal schon alles gesehen hat.“ Gedankenverloren blickt Isolde Marx in den Gemeindesaal des SOS-Kinderdorfs Ammersee, in dem sie vor fünf Jahrzehnten mit bis zu 45 Kindergartenkindern gespielt, gesungen und gebastelt hat. Sie kann sich noch gut an die Buben und Mädchen erinnern, an ihre Sorgen und Nöte, ihr Lachen und ihre Streiche. Anfang 1961 absolvierte sie ihren ersten Arbeitstag als Leiterin des SOS-Kindergartens – damals noch ein winziger Raum neben Haus 5.

Als Isolde Marx von Pfronten im Allgäu an den Ammersee zog, waren erst die unteren Häuser im SOS-Kinderdorf fertig gestellt. Den kleinen Kindergarten besuchten etwa 15 Buben und Mädchen zwischen drei Jahren und dem Schuleintritt, die allesamt im SOS-Kinderdorf lebten. In dem Raum war es so eng, dass die Kinder überwiegend sitzen mussten. Deshalb ging „Tante Isolde“ mit den Kleinen ins Freie, wann immer es möglich war. Die damals 25-Jährige zauberte für ihre Kinder einen wahren „Märchenwald“ auf dem Gelände zwischen SOS-Kinderdorf und der Schatzbergalm. Sie bastelte mit ihnen Schiffchen aus Blättern, kleine Häuschen für Käfer und Schnecken und erzählte die passenden Geschichten dazu.

Der Kindergarten besuchte die „Häschenfrau“, eine freundliche Nachbarin mit Kaninchen, oder marschierte in Zweierreihen zum See. Aus der Reihe tanzen ging nicht, erklärt Marx, die mit den Kindern meist alleine war. Stattdessen ließ sie ihre „natürliche Autorität“ spielen. Auf der anderen Seite hatte sie viel Verständnis für die Kleinen mit ihren oft schwierigen Vorgeschichten. So kam es auch, dass ein kleiner Rabauke ihr einst bei der Gardinenpredigt eine Mark aus der Tasche stibitzte. Als 1965 endlich das Gemeindehaus samt Saal fertig war, wurde vieles einfacher. Nun gab es endlich Toiletten – vorher mussten die Kleinen zur Kinderdorfmutter nebenan – und mehr Platz. Dafür betreute Isolde Marx jetzt bis zu 45 Kinder mit höchstens einer Praktikantin. Und das war noch lange nicht alles. Damals hieß es „Jeder packt an“, erzählt Isolde Marx.

Deshalb leitete sie abends noch eine Mädchen- und eine Werkgruppe, half in Kinderdorffamilien, aber auch in der Gemeindeküche aus, betreute Schulkinder bei den Hausaufgaben oder fuhr einmal fünf Wochen lang mit den Kindern in ein Ferienlager. Auf der anderen Seite gab es weniger Vorschriften, musste weniger dokumentiert werden als heute, sagt Marx, die wie alle Mitarbeiter im Kinderdorf wohnte. Sie erinnert sich noch gut an die vielen Besuchergruppen im Kinderdorf, die durch den Kindergarten strömten, an die Stippvisiten der Kanzlergattin Luise Erhard oder der Kaiserin Farah Diba-Pahlavi, als es vor Polizisten nur so wimmelte. „Bin ich froh, dass ich nur ich bin“, dachte sich Isolde Marx damals. Wesentlich gemütlicher ging es zu, wenn Gründervater Hermann Gmeiner mehrmals pro Jahr zu Gast war.

Oder wenn Gmeiners enger Vertrauter und erster Dorfleiter Jürgen Froelich am Wochenende Kinder zu Ausflügen mitnahm. Zumal dieser „einen unglaublichen Mutterwitz“ hatte, sagt Marx und erzählt, wie er ihr einmal 13 Postkarten aus ihrem Heimatort Pfronten geschickt hat, weil der aus 13 Weilern besteht. Isolde Marx war stolz darauf, im SOS-Kinderdorf zu arbeiten. Erst nach ihrer Heirat 1969 verließ sie ihren Kindergarten. Doch die neun Jahre dort behält sie auf immer im Gedächtnis.

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