90 Jahre Erste Hilfe

Bereitschaftsleiter Christian Dörner, Marianne Asam vom BRK-Landsberg, Bereitschaftsärztin Dr. med. Ingrid Marchner und stellvertretender Bereitschaftsleiter Hubert Busch (von links) mit der „Handmarie“ aus den 1920-er Jahren. Foto: Bentele

Ihr 90-jähriges Bestehen feiert die Rettungswache Dießen am kommenden Samstag. Beim Festabend im Traidtcasten bedankt sich das Bayerische Rote Kreuz (BRK) bei den Mitstreitern für ihren großen Einsatz. Ab 19 Uhr gibt es Information, Ehrungen, Musik und einen umfassenden Rückblick auf neun Jahrzehnte Rettungswesen am Ammersee.

Ab 1914 forderte der Rotkreuz-Frauenverein in Dießen eine Sanitätskolonne, weil Betriebsunfälle zunahmen und die Erste Hilfe oft versagte. Vor allem beim seinerzeit größten Arbeitnehmer, der Graphischen Kunstanstalt Jos. C. Huber, ist recht viel passiert. Anfang 1922 ergriff Sanitätsrat Dr. Georg Moser die Initiative. Der praktische Arzt, zugleich Krankenhaus- und Bahnarzt, rief zur Gründungsversammlung der Freiwilligen Sanitätskolonne Dießen vom Deutschen Roten Kreuz auf. Gegründet wurde im Sängerzimmer des Gasthof Gattinger (heute Sparkasse). 30 Versammlungsteilnehmer traten auf Anhieb bei. Heute ist die Rettungswache in der Krankenhausstraße 7 ein leistungsfähiges Unternehmen, strukturiert nach den modernen Richtlinien des Rettungswesens. Sie ist im westlichen Gebäudeteil des alten Krankenhauses beheimat und gehört zum BRK-Kreisverband Landsberg als dessen einzige Außenstelle im Landkreis. Die Rettungswache Dießen ist rund um die Uhr besetzt. In drei Schichten sind sieben hauptamtliche Retter und 25 ehrenamtliche Rettungssanitäter, -diensthelfer und -assistenten für jeden Notfall gerüstet. Ihnen stehen ein Rettungs- und ein Vier-Tragen-Transportwagen sowie ein Einsatzbus für die Bereitschaft zur Verfügung. Zudem gibt es ein Notarzt-Fahrzeug, weil Dießen seit 1988 auch Notarzt-Stützpunkt ist, sowie ein Einsatzfahrzeug für die Helfer vor Ort (HvO). Neben der Sanitätsbereitschaft deckt die Rettungswache auch den Sanitätsdienst bei öffentlichen Veranstaltungen ab. Die größte Veranstaltung in der Marktgemeinde, fasst Bereitschaftsleiter Hubert Busch zusammen, ist der Töpfermarkt am See. Dort war man heuer 35 Mal gefordert. „Wir sind sie bei vor Ort, wenn wir gerufen werden“, so Busch mit Blick auf die vielseitigen Einsätze: Sie reichen vom Kaltenberger Ritterturnier und Polo in Schwifting, über Fußball-Turniere, Triathlon, Marktsonntage, Trachten und Seefeste bis hin zur Love Parade in Obermühlhausen. Über die lokalen Veranstaltungen hinaus, häufen sich Großeinsätze in der Region. So wur­- den etwa vor kurzem bei einer angekündigten Facebook-Party alle verfügbaren Rettungskräfte in Kaufering gebündelt – auch die Dießener waren dabei. Ebenso werden sie zu Großeinsätzen gerufen, wo die Schnelle Einatzgruppe (SEG), vom Katastrophenschutz mit ihren Versorgungszelten, Unfallpsycho­- logen und vielseitigen Präventions- und Hilfseinrichtungen gefragt ist. Dazu gehören Mas­- senunfälle auf der Autobahn und große Feuerwehreinsätze. Schnell am Patienten Jüngstes Kind der Dießener Retter sind die „Helfer vor Ort“, kurz HvO, die das Spektrum der Hilfeleistungen erheblich erweitern. Momentan sind zehn Ehrenamtliche der Sanitätsbereit­- schaft dafür den HvO zuständig. Hubert Busch: „Im Durchschnitt erreichen wir den Patienten zehn bis 20 Minuten vor dem Eintreffen des zusätzlich alarmierten Rettungsdienstes. – auch nachts und am Wochenende.“ Der HvO führt lebensrettende Maßnahmen durch wie Wiederbelebung, Frühdefibrillation, Sauerstoffgabe und Wundversorgung. Er sichert aber auch die Unfallstelle ab, leistet psychische erste Hilfe, klebt Pflaster und schient Brüche, misst den Blutdruck, lotst aber auch ortsfremde Notärzte und Rettungswagen an die Unfallstelle, „weil wir die beste Ortskenntnis haben“, unterstützt Rettungshubschrauber oder fordert zusätz­- liche Rettungsmittel an. Internistische Einsätze Aus den vielfältigen Einsatzgebieten resultieren auch Veränderungen im Rettungswesen. Zum einen wird es zentral über Rettungsleitstelle in Fürstenfeldbruck koordiniert und gesteuert. Aber auch die Notfälle ver­ ändern sich, „die Welt ist sicherer geworden“, sagt Bereitschaftsärztin Dr. Ingrid March­- ner und bezieht sich dabei auf die hohen Sicherheitsstandards bei Fahrzeugen, so dass die Unfallversorgung auf der Straße nur den kleineren Einsatzanteil ausmacht. Heute fahren die Retter ungefähr 80 Prozent internistische Einsätze, die chirurgischen sind im gleichen Umfange weniger geworden. Erfolgreich sei die Schlaganfall-Behandlung, weil die Ausrüstung im Rettungswagen optimal ist und man sehr schnell am Einsatzort gute Vorsorge leisten kann. Kaumasaufen und mehr Sprunghaft in die Höhe gehen die Einsätze, bei denen Minderjährige Hilfe brauchen, die bei Ampel- und Ein-Euro-Feten oder Komasaufen nicht mehr auf die Beine kommen. Bereitschaftsleiter Christian Dörner berichtet von der Problematik, weil es sich oft um Gruppen bis zu 40 Kindern und jungen Leuten handelt, die „keinen Wirtshausrausch haben“, sondern so schwer alkoholisiert sind, dass sie nicht mehr ansprechbar und kooperationsbereit sind. Aggression breite sich aus und die Einsätze seien oft nicht mehr zu handhaben. Oft müsse die Polizei alarmiert werden, was am Ammer­- see schwierig ist, weil die Dießener Inspektion nachts mit weniger Personal besetzt ist. Gegenwärtig registriere man einen Rückgang dieser Einsätze, dennoch seien es im Wochendurchschnitt immer noch drei. Neu orientieren Insgesamt, so Busch, würden die Einsätze immer mehr, weil sofort die Rettung gerufen werde, „früher hat man sich den Griff zum Telefonhörer gut überlegt – aber wer will denn noch Verantwortung übernehmen.“ Das bestätigt auch Marianne Asam, Leiterin für Soziale Dienste im BRK-Kreisverband. Sie bestätigt zunehmende Probleme, weil sich die Bereitschaft ehrenamtlich tätiger Mitmenschen verlagere: „Man bleibt nicht mehr ein Leben lang einer Organisation treu.“ Vielmehr wolle der moderne Mensch unterschiedliche Dinge kennenlernen. Daraus entstünden Pend­- ler zwischen den Organisationen. Auch das BRK müsse sich neu orientieren und organisieren – vor allem seitdem es keine Zivis mehr gibt. Aber in Dießen sei die Welt noch in Ordnung, „da erlebe ich eine wunderbare Gemeinschaft.“

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