Verdient der Mörder eine Chance?

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Die Wunden, die den Angehörigen durch den Mord an der kleinen Natalie Astner zurückblieben, sind nie verheilt. Dass der Täter eine vorzeitige Freilassung beantragt hat, macht die Familie fassungslos.

Epfach – Fast 18 Jahre nach dem Mord an der damals siebenjährigen Natalie Astner leiden ihre Angehörigen noch immer. Die Wunden über die Tat sind nie ganz verheilt, jetzt werden sie wieder aufgerissen: Der zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder hat Antrag auf vorzeitige Haftentlassung gestellt. 

Die kleine Natalie war am 20. September 1996 auf dem Weg zur Schule. Doch sie kam dort nie an. Armin S., damals 28 Jahre alt, zerrte das Kind in sein Auto. Er fuhr fort und missbrauchte sie, dann schlug er ihren Kopf so lange gegen einen Baum, bis Natalie bewusstlos war. Um die Tat zu vertuschen, schmiss er die Siebenjährige in den Lech. 

Wegen sexuellen Missbrauchs und Tötung einer Minderjährigen war der Mann zu einer lebenslänglichen Haft verurteilt worden. „Er sollte erst nach 18 Jahren die Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung bekommen“, erinnert sich Katharina Mang, Natalies Großcousine. Jetzt seien 18 Jahre vergangen, Anfang März hat S. den Antrag eingereicht. „Als wir diese Nachricht erhielten, waren wir schockiert.“ Als sie vom Antrag des Mörders erfuhr, war es für Mang, als wäre die Tat erst gestern gewesen, alte und nie verheilte Wunden rissen wieder auf. 

Im Namen ihrer Familie fordert Mang, dass die Bürger etwas tun, um einer „möglichen Fehlentscheidung unserer Justiz vorzugreifen“. „Es kann nicht sein, dass ein Wiederholungstäter, dem besonders schwere Schuld nachgewiesen wurde, immer wieder erneut eine Chance bekommt“, meint die Großcousine. Auch auf Facebook macht sie auf den Fall aufmerksam. 

In den Augen der Angehörigen ist allein der Antrag von S. unfassbar. Zumal der Mann beim Mord an Natalie bereits vorbestraft war – er war bereits damals vorzeitig aus einer Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs entlassen worden. Bei der Trauerfeier des Mädchens sagte bereits der ehemalige Denklinger Bürgermeister, Wendelin Schweiger, unter Tränen: „Es kann und darf nicht sein, dass Wiederholungstäter nach so kurzer Zeit wieder frei sind.“ Die Politiker seien gefragt zu handeln. 

Zwar hat sich seitdem ein bisschen was getan: Natalies Großeltern Erika und Erich Kettner gründeten die „Bürgerinitiative Natalie e.V.“. Diese sammelte über 1,2 Millionen Unterschriften mit dem Ziel, durch Druck auf den Gesetzgeber eine Intensivierung der Prävention, des Opferschutzes und des Sexualstrafrechts zu erreichen – mit Erfolg. Die Unterschriftenliste wurde an die damalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth übergeben, das Strafrecht wurde verschärft, Sexualtäter werden härter bestraft. 

Auch wenn der Richter S. damals eine besondere Schwere der Schuld zugeschrieben hat der Verurteilte ein Recht darauf, die vorzeitige Entlassung aus der Haft zumindest zu beantragen. Nachdem S. in einem Gefängnis in Rheinland-Pfalz einsitzt, hat er den „Antrag auf Aussetzung des Strafrestes zur Bewährung“, wie es juristisch korrekt heißt, an das Landgericht Koblenz gestellt. Nachdem sich die Tat hier ereignete muss jetzt auch die Staatsanwaltschaft Augsburg eine Stellungnahme dazu abgeben. Die Entscheidung fällt schließlich das Gericht in Koblenz. 

„Wie wahrscheinlich es ist, dass dem Antrag auch stattgegeben wird, lässt sich schwer sagen“, erklärt Matthias Nickolai, Pressesprecher der Staatsanwaltschaft Augsburg. Dazu müsse man die genauen Umstände, wie etwa die Sozialprognose, den Therapieverlauf oder das Verhalten während der Haft kennen. „Da werde ich mich auf keine Spekulationen einlassen“, so der Oberstaatsanwalt. Wann die Entscheidung des Koblenzer Gerichts fällt, könne Nickolai nicht sagen. Die Stellungnahme aus Augsburg erwarte er bereits in wenigen Wochen.

Janina Reich

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