Philosophisch, poetisch, hintersinnig

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Der Blinde (Wolfgang Czeczor), Alois Wolfmüller (Konstantin Moreth) und Hubert von Herkomer (Johannes Schön) philosophieren am Lechufer.

Landsberg – Drei Menschen, drei Lebenswege. Zwei davon hat es tatsächlich gegeben, der dritte dient als Kommentator, als Katalysator. Anlässlich des 100. Todestag Hubert von Herkomers und des 150. Geburtstages von Alois Wolfmüller hat der Autor Herbert Walter das Stück „Kehrwasser“ geschrieben, das am Freitag im Stadttheater urauf- geführt wurde.

Ein alter Mann (Wolfgang Czeczor) kommt täglich, geführt von seiner Enkeltochter (Louisa-Cayenne Moreth) an den Lech. Er ist nach einem langen Nomadenleben wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt, wo ihn jedoch eine alte Schuld eingeholt hat. Der Maler Hubert von Herkomer (Johannes Schön), erfolgreicher Porträtmaler, Perfektionist und Kunstprofessor, hat sich am Lechufer mit dem Mutterturm seinen Traum von „Schöner Wohnen“ erfüllt. 

Ihn interessiert der Charakterkopf des alten Mannes, möchte ein Porträt malen, das dieser nie sehen wird. Im Gespräch prallen Ansichten aufeinander, die konträrer nicht sein könnten. Der Alte, im Krieg erblindet, malt sich seine Welt anhand von Geräuschen und Gerüchen und mithilfe seiner Phantasie und Erinnerungen („Der Lech riecht heute grün, gestern roch er braun“). Der Maler orientiert sich an der Realität: „Was ich nicht sehen kann, kann ich nicht malen. Die Phantasie kann die Natur nicht ersetzen“. 

Wie unzulänglich die optischen Eindrücke sind, erweist sich, als Herkomer mit dem großen Erfolg seines Bildes „The last muster“ prahlt – einer eindrucksvollen Darstellung von Veteranen des Krimkriegs, die sich in einer Kapelle versammeln. „Zuckerbäckerei“ nennt es der alte Mann, der das Grauen des Krieges selbst erlebt hat. Er wirft Herkomer vor, die Realität des Krieges geschönt zu haben. „Ihr freut euch nur, dass ein paar Charakterköpfe übrig geblieben sind, die Ihr malen könnt“. Großartig, wie sich in diesem Augenblick die Arroganz Herkomers in Erkenntnis, dann in Scham verwandelt. 

Zu diesen beiden Männern gesellt sich ein Dritter, sofern ihm seine Arbeit Zeit lässt. Alois Wolfmüller (Konstantin Moreth), Tüftler und Konstrukteur, feilt am letzten Entwurf des ersten Motorrades. Er glaubt bedingungslos an die Moderne, träumt von einer Welt der Technik, der Geschwindigkeit. Ideen, die auch den fortschrittsgläubigen Maler faszinieren. Leider beruht diese Faszination nicht auf Gegenseitigkeit. Für Wolfmüller ist die Malerei eine überholte Technik, er setzt auf die Fotografie. 

Der Landsberger Autor Herbert Walter (der auch gemeinsam mit Florian Werner und Katharina Buzin für die Regie verantwortlich zeichnet) hat um diese drei Protagonisten ein feinsinniges Kammerspiel entwickelt. Philosophisch, poetisch, hintersinnig („Wie kann Wolfmüller am Fortschritt arbeiten, wenn er immer nur rückwärts geht“, fragt sich der Alte). Viele lokale Bezüge, biografisches und fiktives, Montagen aus Erinnerungen und Visionen, bilden ein stimmiges Ganzes, das getragen wird von drei großartigen Schauspielern. Ein wunderbarer Beitrag zum Herkomerjahr und eine gelungene Eigenproduktion des Stadttheaters. 

„Kehrwasser“ ist noch einmal am heutigen Mittwoch, 1. Oktober um 20 Uhr im Stadttheater zu sehen.

Patricia Eckstein

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