Keine Partitur für Kontrabass

Großen Applaus gab es im Dießener Traidtcasten für Patrick Süßkinds „Der Kontrabass“ mit Alexander Netschajew (links) und „Bassiona Amorosa“. Foto: Nagl

Vermutlich ist der Monolog „Der Kontrabass“ von Patrick Süßkind bislang das einzige Theaterstück, das sich explizit mit dem gleichnamigen, häufig verkannten Streichinstrument und dem dazugehörigen Musiker beschäftigt. Und so ist es fürwahr ein großer Glücksfall, dass das Kontrabass-Ensemble „Bassiona Amorosa“ der Schauspieler Alexander Netschajew und der Schweizer Regisseur Jürg Schlachter zusammenfanden, um aus dem Einakter gemeinsam eine Konzert-Theater-Show mit viel Witz, Tiefgang und wundervoller Kontrabassmusik zu kreieren. Sie feierten jüngst Premiere im Traidtcasten.

Wer kennt es nicht, dass hintergründig-witzige Ein-Mann-Stück, dass 1981 mit Nikolaus Prayla in der Hauptrolle im Münchner Cuville-Theater uraufgeführt wurde und bald zu einem der meistgespielten Stücke auf deutschen Bühnen avancierte. Aber noch nie gab es eine Inszenierung, zu der, gespielt von vier Kontrabässen, Renaissance- und Barockmusik, Klassikeradaptionen bis hin zu pointierten Jazz-Arrangements erklangen. Ein musikalisches Repertoire, das weit über die Regieanweisungen im Stück hinausgeht. Geglückt ist auch das Comeback von Alexander Netschajew als Schauspieler, der die Bühne als Bier trinkender, schwadronierender Kontrabassist im karierten Schlafanzug und Filzpantoffeln betritt, wo seine Mitspieler ihn bereits in Gehrock und Fliege erwarten. Auf der Bühne, die vereinnahmt wird von den beeindruckenden Instrumenten, reichen ein Notenständer und ein Thonetstuhl als Requisiten völlig aus. Weltschmerz und mehr Auf dem Stuhl krümmt sich Netschajew im Weltschmerz und verzehrt sich vor Liebe nach der Mezzosopranistin Sahra. In Dirigentenpose mit Fernbedienung knipst der Schauspieler die Musik an und aus, während er über Gastdirigenten und Produktionsleiter schimpft, die die von ihm angebetete junge Sängerin zum Fischessen einladen, während er an seinem Instrument und der Tatsache verzwei-felt, dass so gut wie keine Partituren für Mezzosopran und Kontrabass gibt. Klaus Trumpf, Professor für Kontrabass an der Hochschule für Musik und Theater in München, hob das Kontrabass-Ensemble „Bassiona Amorosa“ – benannt nach Giovanni Bottesinis „Passione amorosa“ – 1996 aus der Taufe und schrieb bekannte Werke für das ungewöhnliche Quartett um. Mit diesem reichhaltigen Repertoire eroberte das in variabler Besetzung spielende, vielfach ausgezeichnete Ensemble, im Sturm die Konzertsäle der Welt. Auch im Dießener Traidtcasten beeindruckten die vier Musiker von „Bassiona Amorosa“, Giorgi Makhoshvili, Ljubinko Lazic, Zsuzsanna Kölbl und Jan Jirmasek, durch absolute Intonationssicherheit, große Musikalität, humorvolles Musikan­ten­tum, Virtuosität und viel Charme. Kombiniert mit dem Geniestreich Süßkinds und der launigen Bühnenpräsenz Netschajews brillierte die Inszenierung mit wunderbaren szenischen, musikalischen und komödiantischen Effekten. Alexander Netschajew ließ es sich nicht nehmen, seinen Mitspielern und dem Publikum zwischen Schlussapplaus und Zugabe für das gelungene Come­- back in seiner ehemaligen Wahlheimat Dießen zu danken. Weitere Kontrabass-Vorstellungen (www.netschajew.de) sind geplant und auch ein Hörbuch ist nicht ausgeschlossen.

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