Abriss abgelehnt!

"Wie eine Blaue Mauritius"

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Inspiriert vom Stil der „Neuen Sachlichkeit“: Das weithin sichtbare Landhaus am Gassenacker wurde als Baudenkmal eingestuft und darf nicht abgerissen werden.

Dießen – Der Eigentümer hat geklagt: Er möchte sein Landhaus am Gassenacker in Rieden, das aus dem Jahr 1930 stammt, baulich verändern beziehungsweise durch einen Neubau ersetzen. Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bewertet das Haus jedoch als Denkmal. Eine Einschätzung, der die 11. Kammer des Verwaltungsgerichts in ihrem aktuellen Urteil im Anschluss an einen Ortstermin zustimmte. Der Anwalt des Klägers kündigte an, Berufung einzulegen.

Seiner Ansicht nach bietet das sieben auf sieben Meter messende Gebäude mit geringer Deckenhöhe und kleinen Räumen nur beengten Wohnraum. Im September 2013 lag der Gemeinde deshalb ein Antrag auf Abbruch vor, der unter dem Vorbehalt, dass das Denkmalschutzamt sein Einvernehmen erklärt, genehmigt wurde.

Auf Anregung des Dießener Gemeinderats Michael Hofmann wurde das Haus schließlich in die Denkmalschutzliste aufgenommen. Definiert wird das würfelförmige, dunkle Gebäude auf dem großen Grundstück am Ende des Gassen- ackers als „zweigeschossiger, holzverschalter Flachdachbau mit Bodenerker und Flugdach auf hohem Kellergeschoss, in Formen der Neuen Sachlichkeit“. Entworfen wurde es vom Augsburger Architekten Heinz Wolf, Bauherr war ein Ingenieur namens Sigmund Hummel.

„Eine Pergola“, das betonte Dr. Achim Mundt, Fachanwalt für Bau- und Architektenrecht, beim Ortstermin, habe dagegen seines Erachtens mit dem Stil der Neuen Sachlichkeit wenig zu tun. Ähnlich verhalte es sich auch mit dem Erker an der Nordostseite oder mit dem Kachelofen im Erdgeschoss. Auch eine Holzkonstruktion sei nicht typisch für den Bauhausstil und eine klare, helle Struktur, wie man sie aus dieser Zeit kenne, könne er hier ebenfalls nicht erkennen.

So eng dürfe man die synonymen Begriffe „Bauhaus“ oder „Neue Sachlichkeit“ nicht fassen, hielt Dr. Detlef Knipping, stellvertretender Referatsleiter für Denkmalerfassung und -forschung beim Landesamt, dagegen. „Für jede Region gab es eigene Ausprägungen“. Dies gelte auch für die Großen dieser Zeit: „Ein Gropius ist kein Mies van der Rohe oder ein Le Corbusier.“

Typische Merkmale der Neuen Sachlichkeit sieht Knipping allerdings in der Öffnung des Gebäudes über eine „wunderschöne Freitreppe“ hin zum Ammersee und damit hin zur Natur. Die asymetrischen Akzente seien in der ansonsten strengen Fassadengliederung bewusst gewählt. „Dieses Gebäude ist so etwas wie eine Blaue Mauritius der Baugeschichte“, betonte Knipping, schließlich gäbe es in Oberbayern nur ganz wenige Zeugnisse der Neuen Sachlichkeit.

In der Marktgemeinde gehören dazu ein Landhaus des Architekten Carl August Bembé im Currypark sowie der ADK-Pavillon am See. Auch zeitgeschichtlich sei das Gebäude, das 1941 von den nationalsozialistischen Behörden als „schwere Bausünde“ gebrandmarkt wurde, relevant, so der Kunsthistoriker.

Mit Blick in die Zukunft machte Wolfgang Karl Göhner, Justiziar des Landesamtes, den Hauseigentümer und dessen Anwalt darauf aufmerksam, dass es die Möglichkeit gäbe, gemeinsam mit der praktischen Denkmalpflege nach einer „sinnvollen, kreativen Lösung“ zu suchen.

Ursula Nagl

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