Eineinhalb Jahre oben drauf

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Sein "altes Leben" findet der bereits inhaftierte Angeklagte mittlerweile "kacke", dennoch musste er sich vor Gericht für zwei Körperverletzungen verantworten.

Landsberg – Wegen eines Raubs in einem Reichlinger Lebensmittelgeschäft 2015 sitzt er sowieso noch knapp drei Jahre im Gefängnis. Dort verbleibt ein 18-Jähriger aus dem südlichen Landkreis nun eineinhalb Jahre länger. Denn vor Haftantritt hatte er sich noch zweier Körperverletzungen schuldig gemacht. Einmal hatte er in Rott, einmal in Peiting buchstäblich zugeschlagen.

„Es braucht nur eine Kleinigkeit, dann geht‘s bei Ihnen los“, fasste Richter Alexander Kessler beim Jugendschöffengericht in Landsberg die Reizbarkeit des angeklagten jungen Mannes zusammen. Der 18-Jährige hatte Ende Juni einem lose Bekannten am Rotter Sportplatz einen Faustschlag verpasst, der zu erheblichen Verletzungen und vier Tagen Krankenhausaufenthalt führte. Dazu angestachelt hatte ihn ein 20-Jähriger, der dafür ebenfalls auf der Anklagebank Platz nahm.

Als Auslöser gab der Anstifter an, dass das Opfer im Vorfeld mehrfach seine Freundin und Mutter beleidigt habe. Einen Denkzettel um „Respekt“ zu vermitteln habe er im Sinn gehabt, ein klärendes Gespräch sei nicht möglich gewesen. Nach dem Faustschlag, der fester als von ihm geplant gewesen sei und dem Geschädigten sichtlich „nicht gutgetan“ habe, wäre schnell die massive Wirkung klar geworden. Doch statt Hilfe zu leisten, wurde das benommene Opfer einfach abgelegt. Spätestens da hätte man sich aber „um den Kerl kümmern“ müssen, befand Richter Kessler. Es sei großes Glück im Spiel gewesen, dass durch den Schlag und seine Folgen heute keine gesundheitlichen Schäden mehr festzustellen seien: „Das hätte auch anders ausgehen können.“

Für die Anstiftung zur vorsätzlichen Körperverletzung muss der junge Mann ein Wochenende in Freizeitarrest verbringen, 120 Sozialstunden leisten und an Beratungsgesprächen zum Thema Mobbing teilnehmen. An den Angeklagten, dessen Ausbildung gesundheitsbedingt gerade pausiert, gewandt sagte Kessler: „Sie können nicht einfach eine andere Dumpfbacke anstiften“.

Der Schläger selbst war indes überzeugt, gar nicht so fest zugelangt, sondern vielmehr „unglücklich getroffen“ zu haben. „Ich möchte nicht wissen wie es aussieht, wenn sie richtig zuschlagen“, so Richter Kessler, der ein „enormes Gewaltpotenzial“ erkannte.

Darin pflichtete ihm auch Staatsanwalt Johannes Ballis bei, der an diesem Tag auch noch eine zweite Anklage ins Feld führte: Denn nur zwei Monate danach schlug der 18-Jährige wieder zu, diesmal in Peiting. „Ein bisschen ausgetickt“ sei er, als sich in den Streit mit seiner damaligen Ex- und momentan wieder aktuellen Freundin ein anderer junger Mann einmischte. Dieser habe aus einem Fenster geschrien, er solle sich „verpissen“, was den Angeklagten, der eigenen Angaben zufolge „eh schon auf 180“ war, veranlasste, auf das Opfer loszugehen. Nach gegenseitigem Schubsen und am-Hals-Packen drückte er sein Gegenüber an ein Schild, schlug ihm mit der Faust ins Gesicht und trat dann seitlich auf den Oberkörper des am Boden liegenden Kontrahenten ein. Wohin genau, habe er „nicht geguckt“. Auch hier sei wieder eine Portion Glück im Spiel gewesen, dass weiterer Schaden ausblieb, befand der Richter.

Beim Strafmaß folgte das Jugendschöffengericht dem Antrag von Staatsanwalt Ballis und verhängte eineinhalb Jahre Gefängnis. Wohlgemerkt zusätzlich zu einer Haft, die der 18-Jährige seit Jahresbeginn sowieso schon wegen eines anderen Verbrechens verbüßt. Denn im Mai 2015 war er an einem Raubüberfall auf das Lebensmittelgeschäft einer 83-jährigen Inhaberin in Reichling beteiligt, hatte diese mit einem Butterfly-Messer bedroht und 450 Euro sowie fünf Packungen Zigaretten erbeutet. Damit sollte der zu diesem Zeitpunkt ausufernde Drogenkonsum finanziert werden, der auch als Mitgrund für die vielen Straftaten binnen eines kurzen Zeitraums im Jahr 2015 angeführt wurde.

Sein Problem mit Betäubungsmitteln habe er bereits in Angriff genommen und sei nun „clean“, beteuerte der junge Mann. Auch sein gewalttätiges Verhalten werde bereits in einer Therapie im Gefängnis, um die er sich selbst gekümmert habe, behandelt. Sein Leben sei zuletzt „kacke“ gewesen. Die im Zuge seiner Abhängigkeit abgebrochene Ausbildung zum Schlosser wollte er während seiner Haft ebenfalls wieder aufnehmen. „Er will die Haftzeit nutzen“, führte Jugendgerichtshelferin Nadine Wolinski an. Das sollte er auch besser, fand Richter Kessler und sah beim Angeklagten die Gefahr, „dass Sie einen Großteil ihres Lebens im Gefängnis verbringen. Es liegt jetzt ganz bei Ihnen.“ Der Angeklagte nahm sein Urteil an.

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