Ein Zentrum für praktische Intelligenz

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Wolfgang Stützle ist seit 2010 Leiter des Agrarbildungszentrums Landsberg.

Landsberg – Erst ein paar Traktoren ausprobieren, dann eine Runde Mähdrescher fahren und am Schluss auf dem Versuchsfeld Mais und Getreide begutachten. So hatte ich meinen Spaziergang mit Wolfgang Stützle (59) durch das Gelände des Agrarbildungszentrums im Landsberger Osten durchgeplant. Stützle leitet seit 2010 die staatliche Institution, die man auch als „Ackerbauschule“ oder „landwirtschaftliche Lehranstalten“ kennt. Aber bei unserem Weg entlang der Epfenhauser Straße verzichte ich dann doch auf diese Agenda, zumal ich feststelle: Das Angebot der Einrichtung ist vielfältiger als erwartet und geht über Landwirtschaft mit Gummistiefeln weit hinaus.

Schon der Weg in Stützles Büro bereitet viel Freude. Zwischen Stadtmauer und Heilig-­Kreuz-Kirche residiert das Zentrum in dem großzügigen profanierten Klostergebäude, das der Augsburger Baumeister Johann Holl, Vater von Elias Holl, Mitte des 16. Jahrhunderts für 18 Jesuiten entworfen hat. Sie kamen nach Landsberg, um Anhänger Luthers für den Katholizismus zurückzugewinnen.

Das großzügige Treppenhaus, die beeindruckende Bibliothek, die ich bislang nur von den Konzerten Franz Lichtensterns kannte, die perfekt restaurierten und behutsam modernisierten Labor- und Schulungsräume, das alles schafft für das Agrarbildungszentrum ein historisches Ambiente. „Die beste Möglichkeit, Baudenkmäler zu erhalten, besteht darin, sie zu nutzen“, sagt Stützle bei der Begrüßung, nachdem er meine Gedanken erahnt hat. Die Kosten dafür muss das Bildungszentrum nicht selbst erwirtschaften; „Sachaufwandsträger“ ist der Bezirk Oberbayern.

Wir beginnen unseren Rundgang in den Hörsälen, in denen jeweils bis zu 27 Studierende pro Jahrgang zu staatlich geprüften Technikern für Landbau ausgebildet werden. Sie kommen zu zwei Dritteln aus landwirtschaftlichen Betrieben ihrer Eltern, gehen unmittelbar nach der Ausbildung allerdings nur teilweise dahin zurück, zumal der Hof vielleicht noch lange nicht übergeben werden soll und weitere Mitarbeiter nicht trägt.

Während die Landwirtschaftsschulen der Landkreise – die „Winterschulen“ – auf die Übernahme des elterlichen Betriebes vorbereiten, steht in den zwei Vollzeitschuljahren in Landsberg im Auftrag des Freistaats die Vorbereitung auf das mittlere Management in Unternehmen der vor- und nachgelagerten Bereiche, die Befähigung zur Betriebsleitung und die Vermittlung der Fachhochschulreife im Vordergrund.

Einige Absolventen gehen zu städtischen oder staatlichen Gütern, viele werden produktionstechnische Berater, etwa beim Landeskuratorium für tierische Veredelung, manche machen noch ihren Fachagrarwirt und steuern den Bereich Buchführung und Bilanzierung bei Genossenschaften und Verbänden an. Das Spektrum sei sehr breit, sagt Stützle. Viele Dienstleister schicken ihre Stellenanzeigen inzwischen direkt ans Agrarbildungszentrum. „Sie wissen: Hier finden sie die richtigen Leute.“

Ein Viertel der Unterrichtszeit der Technikerschule ist zwar noch der pflanzlichen und tierischen Produktion gewidmet, aber knapp die Hälfte behandelt die Unternehmensführung und umfasst Themen wie Buchführung, Betriebswirtschaft, Informationstechnik, Recht und Marketing. Im restlichen Viertel vertiefen die Studierenden unter anderem Deutsch, Englisch und Mathematik. Sie kommen mit Haupt- oder Realschulabschluss an und gehen, wenn sie die halbjährige Probezeit überstehen und die Abschlussprüfung schaffen, mit der allgemeinen Fachhochschulreife ab. Die Zahl der Bewerber übersteigt die Zahl der Plätze teilweise um das Doppelte. Stützle kann nicht nur Zusagen geben, er muss auch Absagen schreiben.

Nebenher unterrichtet er auch selbst. Kürzlich ist er mit einer Gruppe Studierender zu einem landwirtschaftlichen Betrieb gefahren, der bereit war, seine Bücher offenzulegen. Die angehenden Techniker haben dann Deckungsbeiträge errechnet, Verbesserungsmöglichkeiten geprüft und den „Return of Investment“ von geplanten Vorhaben ermittelt. Anschließend haben die Studierenden dem Betriebsleiter des Hofs ihre Einschätzungen präsentiert. „Haben Sie motivierte Schüler?“ will ich wissen, und Stützle lacht: „Ich denke, Schule ist immer gleich. Nicht jeder ist absolut motiviert, mancher setzt auch mal den Schwerpunkt auf Feiern. Aber im Grunde wollen fast alle von der Zeit bei uns fachlich profitieren.“

Analyse im Vordergrund

Stützle führt mich zu den Laboren, die anders als mancher Chemieraum in Landkreisschulen exzellent ausgestattet sind. „Da muss ich ein großes Kompliment an den Bezirk Oberbayern machen. Er nimmt für uns sehr viel Geld in die Hand. Die Ausstattung bei uns ist fantastisch.“ Die Labore nutzen vor allem die angehenden agrartechnischen Assistenten (ATA). Auch dies ist ein zweijähriger Ausbildungsgang des Freistaats Bayern, der in Landsberg angeboten wird.

Stützle spricht lieber von der Ausbildung zu den Laborberufen, denn: „Es geht nicht nur um Landwirtschaft. Im Vordergrund steht die Analyse. Hier lernt man umfassend, analytische Laboruntersuchungen vorzunehmen, zum Beispiel auch in den Bereichen Biotechnologie und Mikrobiologie.“ Das kommt sehr gut an. 40 von 42 befragten Teilnehmern erklärten kürzlich, dass sie das Agrarbildungszentrum im ATA-Bereich uneingeschränkt weiterempfehlen.

Drei Schwerpunkte gebe es in dieser Ausbildung: Milchwirtschaft und Lebensmittelanalytik, Biotechnologie sowie – zukünftig in einer neuen Version – Pflanzen- und Umweltanalytik. Ein Jahr lang verbringen die Studierenden in Betrieben, die das Agrarbildungszentrum zuweist. Keine leichte Aufgabe, erzählt Stützle, denn oft haben die jungen Menschen noch kein Auto.

Da die Studierenden zum Teil von weit her kommen, wohnen einzelne im Internat des Bildungszentrums. Das Internat macht aus dem Aufenthalt am Agrarbildungszentrum so etwas wie eine Studentenzeit. „Da ergeben sich Freundschaften und ganz intensive Netzwerke“. Ich rechne aus: Ein Platz im Doppelzimmer kostet inklusive Vollverpflegung derzeit 342 Euro im Monat, etwas mehr als 11 Euro am Tag. „Trotzdem ist das für viele Studierende zu viel“, berichtet Stützle. Das sei oft der einzige Punkt, bei dem die Schule bei den Evaluierungen schlechte Noten bekomme.

Über seine Schüler äußert sich Stützle sehr positiv. Insbesondere die angehenden Techniker hätten eine sehr praktische Intelligenz, erzählt er. „Die sind total geschickt. Es ist eine Freude, zu sehen, wie schnell die etwas organisieren. Irgendetwas auf die Beine zu stellen, ist für die überhaupt kein Problem.“ Allerdings gälte Autorität nicht mehr so viel wie früher: „Man muss die Schüler mitnehmen, man muss sie überzeugen“.

Berg der Bildung

An die Stelle der Jesuiten trat 1781 der Malteser-Johan­niter-Orden, deswegen spricht Stützle auch gelegentlich vom „Malteserberg“ oder vom „Berg der Bildung“. Immer wieder spielte dort nicht nur Aus-, sondern auch Fortbildung eine Rolle. Auch heute noch, denn die dritte Einrichtung des Freistaats im Agrarbildungszentrum ist das Fortbildungszentrum. Die Ausbildung zum Landwirtschaftsmeister finde zwar fast ausschließlich an den Landwirtschaftsschulen und Landwirtschaftsämtern statt. In Landsberg werde die Meisterausbildung aber organisiert; von hier werden für eine definierte Region – grob gesagt ein Viertel von Bayern – die Prüfungsausschüsse einberufen, die Prüfungen anberaumt und die Noten festgestellt. Von Landsberg aus werde auch die Fortbildung einiger Berufsgruppen der Fachagrarwirte koordiniert, beispielsweise für Rechnungswesen sowie Golfplatz- und Sportplatzpflege.

Anders sei dies bei den Meister(innen) der Hauswirtschaft; neben der Koordinierung fänden im Agrarbildungszentrum in diesem Bereich auch Kurse statt. Wer diesen Meistertitel erworben hat, arbeitet später beispielsweise in Einrichtungen des Gesundheits- und Sozialwesens, Betriebsküchen, der Gästebeherbergung oder der Erwachsenbildung.

Für jeden Landsberger deutlicher sichtbar ist die Landmaschinenschule, die das Agrarbildungszentrum im Auftrag des Bezirks Oberbayern betreibt. Die bayerischen Landwirte geben mehr als eine Milliarde Euro im Jahr für Maschinenkäufe aus. Deswegen sollten sie vorher Warenkunde besitzen und die Einsatzmöglichkeiten unterschiedlicher Modelle kennen. „Kunden“ der Landmaschinenschule sind Berufsschüler während ihres Berufsgrundschuljahres, aber auch Landwirtschaftsschulen im Rahmen der Meistervorbereitung. Ein Wochenkurs umfasst die Themen „Schlepper und Gerät“, „Maschinen der Außen- und Innenwirtschaft“ sowie „Schweißen“. Die Maschinen erhält das Agrarbildungszentrum von der Industrie.

Bügeleisen ohne Ende

Schon sind wir wieder weg, womit mir klar wird: Einen Traktor oder Mähdrescher fahre ich heute wohl nicht mehr. Nächste Station des Spaziergangs ist das Gebäude, in dem die Abteilung „Haushaltstechnik und Textil“ im Auftrag des Freistaats Hunderte von Hausgeräten aufgestellt hat: Ich sehe Waschmaschinen, Trockner, Backöfen, Kombidämpfer, Geschirrspüler, Kühlschränke, Bügeleisen und Staubsauger sowie monströse Apparate, die mir bislang fremd waren. Aus ganz Bayern kommen Lehrer und Meister-Anwärter der Hauswirtschaft nach Landsberg, um sich neutral über die unterschiedlichen Geräte zu informieren. Die muss das Agrarbildungszentrum übrigens kaufen; ab und zu kann man ein Schnäppchen machen, wenn wieder mal ein Haushaltshelfer abgestoßen wird.

Unsere nächsten Stationen sind das Versuchsfeld, die Wetterstation und die Imkerschule, drei weitere Einrichtungen im Auftrag des Bezirks Oberbayern. In allen drei Bereichen ist das Agrarbildungszentrum praktisch für die Allgemeinheit tätig. Das „Meteogramm“ kann sich sogar jeder Landsberger abrufen. Ich sehe: Morgen gegen 10 Uhr wird es in der Lechstadt bedeckt sein mit 0,3 Millimeter Regen, einer Temperatur von 18 Grad, einem Luftdruck von 1.015 Hektopascal und einem Wind von drei Metern pro Sekunde aus westlicher Richtung. Passt schon, denke ich.

Was schätzen Sie an Ihrem Job? möchte ich abschließend von Wolfgang Stützle wissen. Und wieder antwortet der 59-Jährige bedächtig und empathisch zugleich. „Diese Aufgabe macht einfach Sinn. Das Schönste, was man erlebt, ist, wenn junge Leute hierherkommen, die anschließend Karriere machen. Da sind Sie dann selbst nur noch ein ganz kleiner Fisch. Aber das macht nichts. Sie haben etwas Gutes getan. Und wenn sich dann diese Schüler nach vielen Jahren noch dankbar an ihre Zeit am Agrarbildungszentrum erinnern, dann ist das einfach toll.“

Werner Lauff

In einer Mischform aus Reportage und Interview erzählt KREISBOTE-Autor Werner Lauff einmal monatlich über Spaziergänge mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Außergewöhnliches leisten. Wohin der Weg führt, entscheiden die Befragten selbst.

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