Oberst Draken und das LTG 61

"Ich muss hier leider abschließen"

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Oberst Daniel Draken im Cockpit einer Transall.

Penzing – Vor mir, neben mir, über mir, hinter mir: Schalter, Knöpfe, Lichter und Zeiger. Daniel Draken (49) kennt sie alle. Der Chef des Lufttransportgeschwaders (LTG) 61 in Penzing steuert die Transall, in deren Cockpit wir sitzen, ja immer noch selbst. „Wir führen von vorne, nicht von hinten“, sagt er. Das heißt: Wenn man Soldaten nach Mali schickt, bleibt man nicht in Penzing im Büro hocken; dann fliegt man als Kommodore auch mal selbst dorthin.

Aber nicht mehr lange, denke ich. Jedenfalls nicht von Penzing aus. Draken ist der letzte Kommodore am Standort. „Ich muss hier leider abschließen“, sagt er bei unserer Autofahrt durch den Fliegerhorst. Er ist in Krefeld-Hüls geboren, hat in Bonn im Verteidigungsministerium und in Köln im Luftwaffenführungskommando gearbeitet. Diese Rheinländer verlieren nie den Humor.

Zwar war die Sache schon bei seinem Amtsantritt 2015 klar, dennoch ist Draken nicht wohl dabei, dass er den Standort Penzing zum 31. Dezember 2017 auflösen muss. Niemand macht so etwas gerne. Doch der Abschied auf Raten hat schon begonnen. Die Flug­abwehrraketengruppe ist bereits weg, die SAR-Hubschrauber des Heeres werden zum Transporthubschrauber-Regiment in Niederstetten verlegt und die anderen Einrichtungen wie das Sanitäts-Versorgungszentrum verlassen Penzing nach und nach.

Besenreine Übergabe

Der „point of no return“ ist längst erreicht. Daran ändert auch die verzögerte Auslieferung des Transall-Nachfolgers A400M nichts. Das „Future Large Aircraft“ sollte ja eigentlich schon 2009 „auf dem Hof“ stehen, wie Draken formuliert. Nun haben wir das Jahr 2016. Nur vier Maschinen sind an die Luftwaffe ausgeliefert. Und die haben „Kinderkrankheiten“. Draken geht damit locker um, glaubt an das neue Fluggerät. Der Generalstabsoffizier ist gerade letzte Woche mit dem A400M geflogen: „Ich war begeistert“. Auch die Piloten hätten bei diesem Flug leuchtende Augen gehabt.

Warum? Wenn man 30 Tonnen Ladung von Schleswig nach Incirlik in der Türkei bringen will, macht ein A400M das hin und zurück in einem Tag. „Dafür brauchen Sie drei Transall und sind zwei bis drei Tage unterwegs“. Drakens Bewertung: „Der A400M ist ein exzellentes Flugzeug. Es fliegt gut und sicher.“ Dennoch wird die Transall bis zum Jahr 2021 noch eingesetzt; die Fluggeräte sind dann beim Schwestergeschwader stationiert, dem LTG 63, in „ETNH“, wie es in der Fliegersprache heißt: in Hohn/Krumm­ort, Kreis Rendsburg-Eckernförde.

In Penzing wird dann nur noch „Werftbetrieb“ stattfinden: Zwölf Maschinen werden der „Hochwertteilegewinnung zugeführt“ (sagt Draken), sie werden „ausgeschlachtet“ (übersetze ich); den Schrott bringen LKW weg. „Besenrein“ werde der Standort danach, im Laufe des Jahres 2018, an den Bundesfinanzminister übergeben. Aus „ETSA“, Landsberg Airbase, wird dann eine Fläche zur Konversion.

Was kommt danach?

„Jeder Interessent kann kommen und die 270 Hektar besichtigen“, sagt Draken. Die Nachfolgenutzung ist zwar Sache der Gemeinde – aber natürlich mache er sich auch seine Gedanken. Es könnten sich mittelständische Betriebe oder Industrie hier ansiedeln. Es gibt Straßen, die nahe Autobahn, einen Gleis­anschluss. Man muss sich allerdings mit Denkmälern auskennen. Gut die Hälfte der Gebäude und Hallen ist so eingestuft. Im Ministerium hatte er sich viel mit Fluglärm und Windkraft befasst, jetzt kommt noch der Denkmalschutz hinzu.

850 Soldaten und Zivilangestellte gibt es im Geschwader, über 1.200 im ganzen Fliegerhorst. Zwei Drittel kommen aus der Region. Einige wohnen hier, andere pendeln. Es gibt auch ein paar „Fernpendler“. Sehen Sie mich an, sagt Draken. Er hatte mehrere Verwendungen im niedersächsischen Wunstorf und sich daraufhin mit Frau und Kindern in der Stadt am Steinhuder Meer niedergelassen. Allerdings kommt seine Frau auch oft und gerne hierher – und dann geht‘s unter anderem natürlich nach Landsberg.

„Müssen sich nun Mitarbeiter des Geschwaders neue Jobs suchen?“, will ich wissen, aber Draken beteuert: „Nein, wir sind ein guter und sozialer Arbeitgeber“. Einige Piloten werden auf dem A400M ausgebildet, die müssten sich zwangsläufig räumlich verändern. Ansonsten versuche die Personalabteilung der Luftwaffe, für die Menschen eine neue militärische oder zivile Beschäftigungsstätte in der Region – Einzugsbereich 30 bis 100, vielleicht 150 Kilometer – zu finden. „Alle bleiben in der Bundeswehr.“ In den hohen Norden müssten nur „fünf bis sieben Köpfe“ gehen, Experten wie Bordtechniker und Transall-Prüfer.

Bis dahin sind die Transall weiter von Penzing aus im Einsatz. Eine Besatzung ist permanent auf dem Lufttransportstützpunkt in der nigerianischen Hauptstadt Niamey stationiert, der von den französischen Streitkräften geleitet wird. Die Mannschaft aus Penzing ist für Versorgungsflüge und die medizinische Evakuierung und Repatriierung etwaiger verletzter deutscher Soldaten zuständig. Zwei Piloten, Flugingenieur, taktischer Systemoffizier, Ladungsmeister und erster Wart verbringen 30 Tage am Stück dort.

Sie fliegen täglich nach Gao, wo ein großes deutsches Truppenkontingent im Rahmen der EU-Hilfe Mali stationiert ist. Kein leichter Job, zumal das Einsatzgebiet in der innertropischen Konvergenzzone liegt. Bis 40 Grad am Tag, nicht weniger als 27 in der Nacht – und immer wieder Gewitter mit stürmischen Böen und großen Niederschlagsmengen. Da sind Fitness und Konzentration gefragt. Zusätzlich hat das LTG 61 gerade die Führung des Stützpunkts übernommen, stellt den größten Teil der Bodencrew.

Nebenher geht das weiter, was man schon Routine nennen könnte, Versorgungsflüge nach Pristina im Kosovo zum Beispiel oder Material- und Personalbeförderung nach Tallinn. Eine Transall ist 24/7, rund um die Uhr, in „MedEvac“-Bereitschaft, um einen irgendwo in Europa verletzten deutschen Soldaten so schnell wie möglich zurückzuholen. Es gelte aber auch, immer wieder an Übungen teilzunehmen, das Geschwader müsse „breit einsatzfähig“ bleiben. So wie 2014 und 2015, als vom LTG 61 zeitgleich die Flüge zur Ebola-Hilfe in Afrika und die Einsätze in Afghanistan gemeistert wurden.

Sarajevo-Approach

Apropos Übung: Wer im Landsberger Westen wohnt, erlebt des Öfteren, wie eine Maschine nach der anderen startet, dicht über den Häusern fliegt und dann wieder abdreht, sage ich. Draken schmunzelt. Das dürften Sichtflug-Platzrunden sein, stellt er fest – und verzichtet diplomatisch auf die Feststellung, dass es sich dabei nicht um „eine Maschine nach der anderen handelt“, sondern ziemlich wahrscheinlich um immer die selbe. Geübt würde dabei auch der „Sarajevo-Approach“, ein besonders steiler und kurzer Landeanflug, der im Jugoslawien-Krieg erforderlich war, weil die Transall beschossen wurden.

Wenn Düsenjets kommen, ist das meist, weil Jetpiloten der Luftwaffe einen Instrumentenlandeanflug üben wollen. Penzing verfügt nicht nur über ein ILS-System, sondern auch einen GCA-Approach, ein Präzisionsanflugradar – der Radarlotse kann Flugzeuge mit Hilfe eines imaginären Leitstrahls heruntersprechen. Darüber hinaus gibt es ein TACAN-Funkfeuer (zivil: VOR) westlich und ein NDB östlich des Fliegerhorsts. Besser kann ein Flugplatz kaum ausgestattet sein, denke ich – ist die kategorische Entscheidung der Gemeinde Penzing gegen künftigen Flugbetrieb eigentlich vernünftig? Damit sind Unternehmen der Luft- und Raumfahrt praktisch ausgeschlossen.

Aber unsere Fahrt durch den Fliegerhorst geht weiter und wir nähern uns der Transall, in der wir die letzten Minuten des Gesprächs führen werden. Welche Teile der Welt beobachten Sie besonders, will ich von Oberst Draken wissen, und die Antwort ist wieder ziemlich einfach: diejenigen, die wir mit der Transall von hier erreichen. Das ist derzeit vor allem Afrika; „in den fernen Osten schickt man uns logischerweise nicht“. Besonderes Augenmerk liege dabei auf dem Thema Sicherheit und Terrorismus. „Es macht einen Unterschied, ob Sie mit Badehose im Strandhotel Urlaub machen oder als Soldat in Uniform im Einsatz sind. Dann sind Sie ein Ziel.“

Im gelobten Land

Ist Draken „immer schon“ Transall geflogen? Die Frage liegt nahe, denn auch zivile Piloten sind auf bestimmte Flugzeugtypen spezialisiert. Doch Draken hat tatsächlich noch eine zweite Maschine kennengelernt. Er war Pilot in der „Awacs“-Flotte der NATO, flog die auf Basis der Boeing 707 als Radarsysteme ausgerüsteten Düsenjets – Spitzname „Frisbee“. Er absolvierte dort 450 Flugstunden; offiziell war es seine Auslandsverwendung, aber er startete von Geilenkirchen. Aus dem Rheinland, wieder mal.

Ich spreche ein Wort aus, das kein Kommodore gerne hört. Es heißt „grounded“. Ein Flugzeug ist „grounded“, wenn es nicht starten kann. „Ja, wir haben alte Maschinen mit alter Technik, und sie sind sicher störanfälliger als moderne Flugzeuge“, antwortet Draken. Die Transall wurden in den 70er Jahren ausgeliefert. „Sie haben ein stolzes Alter.“ Der „Klarstand“ betrage aber immerhin noch zwischen 50 und 70 Prozent, will heißen: Die Hälfte bis zwei Drittel seien einsatzbereit. Das sei tagesabhängig; mal seien es mehr, mal weniger. Es gebe auch Probleme bei der Ersatzteilbeschaffung.

Wir gehen durch die große Heckklappe in den Bauch der Transall. Gibt es eigentlich etwas, was Sie der Stadt Landsberg, der Gemeinde Penzing und dem Landkreis zu sagen hätten? Draken zögert keinen Moment: „Dank! Ich bin im letzten Jahr mit offenen Armen empfangen worden. Mir schlägt in dieser Region eine einzigartige Herzlichkeit entgegen. Hier gibt es eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Gemeinden, mit den Bürgermeistern, mit dem Landrat. Die Aufnahme der Bundeswehr, des Verbandes hier, sucht ihresgleichen.“ In anderen Regionen stehe man den Streitkräften bedeutend kritischer gegenüber. Im Rheinland zum Beispiel. Demgegenüber sei man in Bayern „im gelobten Land“. Und außerdem, da ist Draken gedanklich schon gleich wieder in der Luft: „Schauen Sie sich mal dieses Alpenpanorama an. Eigentlich ist das vergnügungssteuerpflichtig.“

Werner Lauff

Spaziergang mit...

In einer Mischform aus Reportage und Interview erzählt KREISBOTE-Autor Werner Lauff einmal monatlich über Spaziergänge mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die Außergewöhnliches leisten. Wohin der Weg führt, entscheiden die Befragten selbst.

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