Lästiger Eichenklotz

Der "Wrgl" ist weg!

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Durfte auf dem Untermüllerplatz nur ein kurzes Dasein fristen: der „Wrgl II“.

Dießen – Er kam in der Nacht und war am nächsten Mittag schon wieder verschwunden: der Wrgl, ein Kunstwerk aus farbigem Eisen auf mächtigem Eichenholzsockel. Deutlich erkennbar eine Gottheit mit Rinderschädel und Götterflügeln. „Die Rezeption des Wrgl in der heutigen Vorstellung eines Gesamtkunstwerkes“, nennt der Künstler sein Objekt, das er mit einem Kran im Herzen der Fischerei aufgestellt hatte. Nur wenige Kunstfreunde in Dießen sind in den Genuss der Kunstbetrachtung gekommen, weil der gemeindliche Bauhof ebenfalls mit dem Kran anrückte (um 11.59 Uhr, rechtzeitig zum Freitagsfeierabend) und die zentnerschwere Skulptur beseitigte.

Großes Bedauern bei einigen Einheimischen: Sie erinnerten sich noch an das Jahr 2001, als ein Heimatverein das Thema „Kunst am Bach“ (Mühlbach) ausgerufen hatte. Damals bewegten die Wellen auf Höhe der Cine-Bar den legendären Laib Brot, mit dem die Untermüllerin, die Mutter Hofner, dereinst die armen Vorkriegskinder nährte. Geister und andere Objekte trotzten unter dem Begriff „Kunst“ dem Gesprudel im längst still gelegten Wasserfall und an anderen exponierten Stellen des Mühlbachs.

In dieser Zeit ist auch der Wrgl entstanden, ein stattliches Kunstobjekt aus einem mächtigen Wurzelstock, auf dessen Ästen künstlerisch veredeltes und farbig bemaltes Eisen eine Symbiose eingingen. „Die Nachgeburt des trojanischen Pferdes in der Transparenz der mythischen Vergangenheit in der Amplitude der Neuzeit“, so nannten die anonymen Künstler ihr Objekt – den Wrgl Nummer I-2001. Er war plötzlich da, mitten im Wasser, im Delta, wo der Mühlbach in den Ammersee hineinfließt. Ausgestattet mit einer Informationstafel. Und keinen hat es gestört eine ganze lange Saison über – bis zum heutigen Tage, wo die Reste der vergänglichen hölzernen Kunst noch erkennbar sind.

Nun soll demnächst über der Fischerei auf einer acht Meter hohen Stange ein Fisch in den Lüften schweben, gleich einem Vogel. Deshalb geht man im alten Dießen davon aus – dass mit Wrgl II der manierierten Kunst eine kraftvolle Formensprache entgegengestellt werden sollte. Ohne die hohen Kosten der Kunst am Bau.

In der Kunstbetrachtung zum Wrgl II heißt es, dass die Interpretation des Gesamtkunstwerkes im Über-Ich liegt, bestimmt durch das sozialkritische Moment des gewogenen Betrachters. Nun, in der Künstlerkolonie Dießen ist man unterschiedlicher Meinung, was Kunst betrifft. Und kaum war Wrgl II aufgestellt, kam schon im Morgennebel ein Vertreter aus dem Rathaus zur Begutachtung. Kurze Zeit später folgte die Prüfung der Sachlache durch die örtliche Polizei, die jedoch auf Anfrage der Presse versichert: „Das Objekt ist verkehrstechnisch unbedenklich, weil es so platziert ist, dass es keine Gefahr für den Verkehr darstellt.“

Wohl war man im Rathaus anderer Meinung, weil das Objekt aus Holz, Metall und Malerei binnen kürzester Zeit vom gemeindlichen Bauhof weggeschafft worden ist. Der Eigentümer, so heißt es, sei nicht ermittelt worden. Kann man nur hoffen, dass der Wrgl in seiner Eigenart als Wahrheitsfinder – wörtlich zu lesen in der Objektbeschreibung – vor dem Haus des Diebes so lange schreit, bis alle Nachbarn zusammenlaufen und der Dieb, entsetzlich beschämt, das Diebesgut wieder herausrückt. Beim Wrgls Wahrheitsrausch geht es übrigens nicht nur um materielle Güter, sondern auch um nicht-materielle wie Ehre, Würde oder Liebe.“

Bis zum nächsten Mal

Am Sonntag dann hat sich der Wrgl zu Wort gemeldet, in einem „offenen Brief“ an die Bürger und die Verwaltung. „Ganz still und leise“ hätte er sich auf dem Untermüllerplatz integriert und irgendwann das Feld geräumt für den Mann mit Fisch („ich wünsche ihm für sein Dasein alles Gute“), lässt der Wrgl wissen. Er hofft, dass sich ein „mutiger Mann“ in gemeindlichen Diensten findet, der ihn zurückbringt, doch da wäre Toleranz gefordert. Sollte das nicht klappen, möge man ihn, den Wrgl II für einen guten Zweck – Friedenskirche oder Jugendtreff – versteigern und dann wird der Wrgl Ruhe geben – „zumindest bis zum nächsten Mal“.

Beate Bentele/Toni Schwaiger

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