Verhängnis im Zeitraffer

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Plötzlich bebt die Erde: David Liske und Ines Schiller spielen Jeronimo und Josephe in Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chilli“.

Landsberg – Vor einem goldenen Vorhang stehen die vier Schauspieler und warten gelassen darauf, dass die Zuschauer ihre Plätze einnehmen und Theaterleiter Florian Werner seine Begrüßung beendet. Beginn eines intensiven Abends mit Kleists d„Das Erdbeben in Chili“ vom Landestheater Tübingen.

Plötzlich stürzt die Darstellerin der Josephe (Ines Schiller) an den Bühnenrand, schreit Kleists berühmte letzte Worte (aus einem Brief an seine Schwester vor seinem Selbstmord) heraus „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“, wendet sich ab, quengelt: „Ich will jetzt anfangen.“ Wie im Zeitraffer, aufgeregt, durcheinander, sich gegenseitig übertrumpfend, erzählen die vier die Vorgeschichte: von der Liebe des Hauslehrers Jeronimo zur Adligen Josephe, der skandalösen Geburt beider Kind, der Abschiebung ins Kloster und schließlich von Verhaftung und unmittelbar bevorstehender Hinrichtung Josephes und Jeronimos (David Liske) geplantem Freitod im Kerker.

Nur ein kurzer Frieden

Und genau hier setzt die gespielte Handlung ein, mit dem gewaltigen Erdbeben, das den Umschwung der Handlung und die vorläufige Rettung des Paares bedeutet. In dem allgemeinen Chaos gelingt beiden gemeinsam mit ihrem Kind die Flucht aus der Stadt, in eine Art paradiesischen Urzustand, in dem alle gesellschaftlichen Schranken und moralischen Vorverurteilungen aufgehoben sind. Symbolisch entledigen sich die Spieler ihrer Hofroben, feiern die neue Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit mit der „Ode an die Freude“.

Doch dieser Frieden hält nicht lange, im Überschwang beschließen Josephe, Jeronimo und ein befreundetes Paar (Julienne Pfeil, Steffen Riekers), einen Gottesdienst in der zerstörten Stadt zu besuchen, sie werden erkannt, getötet, einzig ihr Kind überlebt. Ein Hoffnungsschimmer? Wenn, dann ein winzig kleiner, verletzlicher.

Intensives Spiel, Kleists reiche Sprache und gewaltige Bilder: die verhängnisvolle Messe als Schattentheater, die Nacktheit des Paradieses, das Gold der vermeintlichen Zivilisation. Kleists Novelle als ausdrucksstarkes Kaleidoskop mit düsterem Fazit: der Mensch lernt nicht, selbst nach schicksalhaften Erlebnissen hält die Erkenntnis nur für eine Weile an, bevor die alten Muster wieder die Vorherrschaft übernehmen.

Ein starker, wenn auch sehr kurzer Theaterabend, der das Publikum im Landsberger Stadttheater in seinen Bann zog und mit starkem Applaus bedacht wurde.

Patricia Eckstein

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