Landsberger Sommermusiken

Die Musik besser genießen können

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Der Landsberger Oboist Christoph Hartmann (rechts) und Mitglieder der Berliner Philharmoniker sowie Musikerkollegen freuen sich bereits auf die Sommermusiken.

Landsberg – Auch in der nunmehr 17. Auflage der Landsberger Sommermusiken am 3. und 5. Juli hat dieses Festival, das zu den ungewöhnlichsten musikalischen Ereig- nissen der Lechstadt und über deren Grenzen hinaus gehört, nicht an Zauber und Anziehungskraft verloren. Ungewöhnlich ist es, weil hier Musiker von Weltrang – Mitglieder der Berliner Philharmoniker und befreundete Musikerkollegen – ohne Gage spielen und auch das Programm der Konzerte selbst bestimmen, was im Konzertbetrieb eine Seltenheit ist.

Dabei leben sie eine Woche in Landsberg zusammen, genießen die Gastfreundschaft der Dominikanerinnen und tauchen in die sommerliche Stadt ein. Die Aufführungen finden seit vielen Jahren in der „kleinen Philharmonie“, wie die Musiker liebevoll die Aula in den Beruflichen Schulen nennen, statt. Am Anfang waren übrigens außer Clemens Weigel – er ist mit Christoph Hartmann, dem Gründer der Sommermusiken der einzige, der alle Sommermusiken mitgemacht hat – nur Kollegen von den Berliner Philharmonikern dabei. Doch die Besetzung hat sich im Laufe der fast zwei Jahrzehnte durchmischt. So war Henrik Schäfer zum Beispiel vor 17 Jahren Bratschenkollege bei den „Berlinern”, hat dann das Orchester verlassen, um Dirigent zu werden und ist jetzt Chefdirigent der Oper von Göteborg in Schweden. Aber seit ein paar Jahren ist er wieder als Bratscher bei den Sommermusiken.

Auch hat sich in all den Jahren ein Freundeskreis gebildet, dessen einigende Bande die Liebe zur Musik, aber auch gemeinsame Ausflüge sind. Zuletzt ging deren Reise zu den Winterfestspielen in das norwegische Röros, deren Künstlerischer Leiter Christoph Hartmann ist. In diesem Jahr haben die Musiker erneut für die beiden Kammermusikabende am Freitag (20 Uhr) und Sonntag (18 Uhr) ein reizvolles Programm zusammengestellt, das sich kaum an den Mainstream klassischer Festivals hält, sondern Neues ausprobiert und den Mut hat, Altes, fast Vergessenes wieder ans Tageslicht zu bringen.

So erhalten die Sommermusiken frische musikalische Farben durch die Sinfonietta in F-Dur aus opus 188 für zehn Bläser vom Liszt-Schüler Joachim Raff. Ein heute selten gespieltes Werk, das Raff im Frühjahr 1873 in Wiesbaden komponierte. Raff hatte dem klassischen Bläseroktett aus je zwei Oboen, Klarinetten, Hörnern und Fagotten zwei Flöten hinzugefügt, um den Klang brillanter und duftiger zu machen. Nicht nur deshalb, sondern auch wegen der freudigen Grundgestimmtheit in der pastoralen Tonart F-Dur ist die Sinfonietta eine echte Frühlingsmusik: Zu ihrer Zeit weit verbreitet, heute selten zu hören.

Der mit den Sommermusiken befreundete Enjott Schneider hat aus Fragmenten des in einer österreichischen Irrenanstalt verstorbenen Hans Rott eine Komposition mit dem Namen „Dunkelreise“ geschaffen. Das Sextett für Oboe/Englischhorn, Violine, zwei Violen, Violoncello und Kontrabass wird in den Sommermusiken uraufgeführt. Von Hans Rott, dem genialen Komponisten, Bruckner-Schüler, Freund Gustav Mahlers und Schöpfer einer zukunftsweisenden Symphonie, der mit sechsundzwanzig Jahren an Wahnvorstellungen zugrunde ging, sind nur wenige vollendete Werke überliefert. Erhalten blieben vor allem Skizzen, Studien und Fragmente. Aus diesen wurde eine imaginäre Erzählung entwickelt, die zwischen Wahn und Wirklichkeit changierend, Trost, manisches Suchen und Hoffnungslosigkeit verbindend, den Hörer zu einer bedenksamen Reise in dunkle Nacht einlädt.

Ein weiterer Höhepunkt der Sommermusiken sind die hochvirtuosen Partiten des tschechischen Komponisten Franz Krommer. Krommer ist ein sehr wichtiger Vertreter für Oktett-Kompositionen. Das Oktett oder auch die Harmoniemusik ist in der Klassik eine sehr gängige Kammermusikbesetzung für Bläser. Von Antonin Dvorak wird das Klavierquintett aus opus 81 aufgeführt. Bis heute ist es eines der meistgespielten des Komponisten, denn es repräsentiert das Paradigma seiner Kammermusik: reiche melodische Erfindung, üppiger Klang, meisterliche Form, Volkstümlichkeit neben spätromantischem Pathos, tschechische Einflüsse, die sich in den Titeln der Mittelsätze niederschlagen.

Das Programm der Landsberger Sommermusiken 2015 wird schließlich abgerundet durch Kammermusik in Besetzungen vom Trio bis zum Nonett. Eine Neuerung gibt es allerdings bei den aktuellen Sommermusiken: Vor den Stücken kommt eine Werkeinführung. Denn die Musiker wissen: Wer mehr von der Musik versteht, genießt sie mehr.

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