Einsatz gegen die "Zeit des Hungers"

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Die Landsbergerin Simonne Szagun als „weltwärts“-Freiwillige in Malawi: Hier zu Gast bei örtlichen Supermarktbesitzern.

Landsberg – Ende November 2015 hatte sich Simonne Szagun als „weltwärts“-Freiwillige für das African Moringa and Permaculture Project (AMPP) auf den Weg nach Malawi gemacht. Am heutigen Mittwoch kehrt die Landsbergerin in die Heimat zurück. Im Gepäck: Viele neue Erfahrungen und Eindrücke aus einem Land, in dem über die Zeit des Hungers gesprochen wird wie in Deutschland über eine der vier Jahreszeiten.

Dass die Uhren in Malawi anders ticken als hierzulande, lernte Simonne Szagun ziemlich schnell. Es begann schon damit, dass morgens kein Wecker klingelte, sondern der Sonnenaufgang gegen halb sechs den Start in den Tag markierte. 7 Uhr ist die geschäftigste Zeit am Brunnen. Frauen holen mit 20-Liter-Eimern Wasser, tragen es auf dem Kopf nach Hause, um das Geschirr des Vorabends zu spülen, Porridge zu kochen, Wäsche zu waschen und das Haus zu putzen. Schon früh morgens hört man Musik aus dem Barbershop in der Nähe, oder den Soundtrack von Actionfilmen, die in einem kleinen Kino gezeigt werden.

weltwärts in Malawi

Allerdings nur, wenn es Strom gibt. Das ist in Malawi keine Selbstverständlichkeit. Ein Wasserkraftwerk im Süden versorgt das Land mit Strom. Wie viel Elektrizität aber letztendlich in den Haushalten, die an das Netz angeschlossen sind, ankommt, ist stark vom Wasserpegel des Shire Rivers abhängig. So ist in der Trockenzeit zu wenig Wasser im Fluss um ausreichend Strom für die ganze Bevölkerung zu produzieren. Während der Regenzeit blockieren dann oftmals angespülte Baumstämme oder anderes die Turbinen. Szaguns Haus war eines der wenigen in Chowe, die an das Stromnetz angeschlossen sind.

Die Unterschiede zu Deutschland treten auch an anderer Stelle deutlich zutage. Anstatt mit einem Bus, der nach Fahrplan fährt, zu reisen, nutzt man hier Minibusse, oder Pickup-Trucks, die erst losfahren, wenn sie voll sind. Müll wird nicht getrennt geschweige denn abgeholt, sondern im Garten verbrannt. Anstatt morgens den Duschhahn aufzudrehen, duschte Szagun in Malawi mit Eimer und Kelle.

Das Wasser holte sie am Brunnen, der nur rund 150 Meter von ihrem Haus entfernt war. Erstaunt zeigten sich die Bewohner ihres Dorfes auch darüber, dass Szagun mit 24 Jahren noch unverheiratet und kinderlos ist. Viele Frauen in Malawi heiraten früh und werden jung schwanger. „Ihre Aufgabe ist es, den Haushalt zu führen. Dazu gehört Wäsche waschen, kochen, Feuerholz holen und Kinder groß ziehen“, beschreibt Szagun das geltende, klassische Rollenbild.

Täglich Nsima

Natürlich ist auch die Auswahl im Supermarkt kein Vergleich zu jener in deutschen Geschäften. Das Angebot hängt von der Jahreszeit ab. Getrockneten Fisch aus dem Malawi See und Tomaten gibt es ganzjährig, um Zwiebeln, Okra oder Süßkartoffeln zu ergattern, braucht man Glück. „Das Hauptnahrungsmittel in Malawi ist Mais. Die Körner werden in der Sonne getrocknet und anschließend zu Mehl gemahlen“, berichtet Szagun. Aus diesem Mehl werde dann ein Brei gekocht, der sich Nsima nenne. Zusammen mit Grünzeug, also Blättern von Kürbis, Süßkartoffel, Amaranth oder Cassava, wird er zweimal am Tag gegessen.

Doch nicht immer ist Mais in ausreichender Menge verfügbar. Wenn Szagun die 20 Kilometer von Chowe nach Mangochi, der nächstgrößeren Stadt, mit dem Fahrrad zurücklegte, fuhr sie an vier großen Silos vorbei, in denen die Notreserven an Mais aufbewahrt werden. Heuer waren sie leer, weil im vergangenen Jahr durch Überschwemmungen große Teile der Ernte ausgefallen waren. „Über die Zeit des Hungers wird hier gesprochen, wie über eine der vier Jahreszeiten in Deutschland“, sagt Szagun.

Um eine nachhaltige Verbesserung der Situation herbeizuführen hatte der Brite Pierre Moorsom vor drei Jahren das African Moringa and Permaculture Project (AMPP) gegründet. Seine Mission war, Einnahmemöglichkeiten aufzuzeigen und die Dorfbewohner, durch die Nutzung von simplen Methoden der Permakultur, widerstandsfähiger gegen extreme Wettereignisse, wie Dürren und Überschwemmungen, zu machen. Vor rund einem Jahr wurden zehn interessierte Farmer aus Chowe am Kusamala Institute of Ecology and Agriculture in Lilongwe, der Hauptstadt Malawis, in einem zweiwöchigen Kurs über die Prinzipien und Methoden der Permakultur geschult. Szagun konnte das erste Erntejahr nach den Regeln der Permakultur in Chowe begleiten. „Leider war auch Malawi vom Phänomen El Niño betroffen. Im Süden Malawis hat es kaum geregnet“, berichtet sie. Vielerorts sei der Mais vertrocknet. Die Felder der AMPP Farmer sahen jedoch vergleichsweise gut aus.

Gefahr der Erosion

Traditionell wird Mais in Monokulturen in Reihen angebaut. Mit der Hacke werden Reihen angehäuft und am höchsten Punkt werden drei bis vier Maiskörner in ein Loch gesetzt. Nach der Ernte im April werden die Überreste des Mais verbrannt. Mit dem Eintritt der Regenzeit, das ist normalerweise Anfang Dezember, wird dann der staubtrockene Boden gelockert und erneut zu Reihen angehäuft. Der Regen spült meist viel der oberen, nährstoffreichen Erde davon. „Erosion ist eines der Hauptprobleme, mit denen Farmer hier kämpfen“, so Szagun.

Auf den Feldern der AMPP-Farmer wurden dagegen gezielt rund ein Meter tiefe Wassergräben, sogenannte Swales, angelegt. In ihnen sammelte sich Regenwasser und sickerte gleichmäßig in die Felder. Zusätzlich wurde nicht in schmalen Reihen gepflanzt, sondern in rund ein Meter breiten Beeten. Diese waren von einem kleinen Erdwall umgeben. In jedem Beet wurden nun am Rand Mais und in der Mitte verschiedenste Pflanzen gesät. Bohnen und Erbsen nutzten den Mais als Klettergerüst. Gurken und Kürbisse bedeckten den Boden und stickstofffixierende Pflanzen wie Pigeon Pea und die schnell wachsende Tiphrosia düngten den Boden. Am Rand der Swales wurden Pflanzen mit starken Wurzeln gesät, um das Herunterwaschen der Erde zu vermeiden. Das gesamte Feld wurde mit Laub, Heu oder Zweigen bedeckt, um zu vermeiden, dass die Sonne den Boden austrocknet. Zusätzlich hielt die Schicht Unkraut davon ab, durchzudringen und dem Boden wertvolle Flüssigkeit zu entziehen. Statt künstlichen Dünger, verwendeten die Farmer ausschließlich Hühnermist. Das habe für Staunen bei den Dorfbewohnern gesorgt, erzählt Szagun. „Das Benutzen von Kunstdünger gilt hier als ein Muss und jeder hat sich längst daran gewöhnt.“

Das Interesse der anderen Familien in Chowe an der neuen Methode ist groß. Bald sollen zehn weitere Farmer geschult werden, sagt Szagun, die als Anlaufstelle bei organisatorischen Fragen fungierte. Farmer wendeten sich mit Fragen an sie und sie stellte dann die Verknüpfung zum Kusamala Institut her. Für die kommende Zeit ist ein Field Day geplant. Es sollen einfluss­reiche Personen aus der Umgebung eingeladen werden, die Felder besichtigt und über Permakultur informiert werden.

Zweite Heimat

Trotz aller Widrigkeiten hat Szagun ihre zweite Heimat in den vergangenen Monaten in ihr Herz geschlossen. „Die Hilfsbereitschaft, das Interesse und die Offenheit vieler Malawier ist bemerkenswert“, schwärmt die Landsbergerin. Dass der ostafrikanische Staat Malawi zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Welt gehöre, wirke sich nicht auf die Zufriedenheit der Bevölkerung aus. „Die Leute hier sind sehr stolz auf Malawi, vor allem des Friedens und der Sicherheit wegen.“

Über die Chance, die ihr das „weltwärts“-Programm ermöglicht hat, ist Szagun sehr dankbar. Die Kosten, die für Anreise, Visum, Verpflegung und Unterbringung in Malawi anfallen, wurden zu 75 Prozent vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Da die Entsendeorganisation die restlichen 25 Prozent der entstehenden Kosten nicht alleine aufbringen kann, war Szagun dazu verpflichtet, einen privaten Förderkreis aufzubauen und somit einen Teil der Kosten als Spenden zu sammeln. Hierzu hatte Simonne Szagun das AMPP bei der Crowdfunding Plattform ­betterplace.org registriert. Interessierte können hier auf eine genauere Beschreibung des Projekts zugreifen.

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