Brandstifter und Retter

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Nathan (Patrick Schnicke, links) erzählt Sultan Saladin (Rolf Kindermann) die Ringparabel, das berühmte Gleichnis zum Thema Toleranz und Religion.

Landsberg – Es ist das Paradestück zum Thema Toleranz: Lessings Aufklärungsdrama „Nathan der Weise“. Das Landestheater Tübingen widmete sich dem Stück – so wie über 16 andere Bühnen in dieser Spielzeit. Das Tübinger Ergebnis ist eine klassische Inszenierung. Kaum gekürzt. Fast unverändert. Nur ab und zu skandiert der Chor der Schauspieler Hetzparolen. Die stammen einerseits aus der NS-Zeit, andererseits von heute: Pegida-Anhänger, muslimische Fanatiker und sonstige Eng­stirndenker zeigen, wie wichtig die Forderung nach Toleranz bleibt – und wie schwierig es damals wie heute scheint, tolerant zu sein.

Die Zeit: der dritte Kreuzzug. Ein Tempelherr rettet Recha, die Adoptivtochter des jüdischen Geschäftsmannes Nathan, aus einem Feuer, das Christen gelegt haben. Zwei Religionen sind somit vertreten. Die dritte kommt mit Sultan Saladin. Er hat dem Tempelherrn das Leben geschenkt und ihn als einzigen seiner Gefangenen begnadigt: Der Kreuzritter sieht seinem verstorbenen Bruder Assad gar so ähnlich. Die Verbindung Saladin-Nathan schließt sich durch die Geldnot des Sultans. Dessen Schwester Sittah gibt ihm den Rat, den reichen Kaufmann um einen Kredit anzupumpen. Der Sultan hingegen will Nathan nicht direkt anbetteln. Vielmehr testet er die weithin gepriesene Weisheit des Gastes und stellt die berühmte Frage: „Welche Religion ist denn nun die wahre?“

Nathan erzählt seinem Gastgeber „ein Märchen“, die berüchtigte Ringparabel. Deren Aussage: Keine der drei monotheistischen Religionen steht über der anderen. Jeder soll den Andersgläubigen in seinem Anderssein tolerieren. Denn Lessing geht es um den Menschen, nicht um die Religion. Die „Verwandtschaft“ zwischen den Menschen ist bedeutender als der trennende Glaube. Wofür Lessing einen Dramenschluss findet, der nahezu Soap-Charakter hat: Nicht nur sind Recha und der Tempelherr Geschwister – was der aufkeimenden Liebe einen rabiaten Dämpfer gibt –, ihr Vater ist zudem des Sultans Bruder.

Veröffentlicht hat Lessing das Stück in Buchform. Denn eigentlich ist es sein abschließender Beitrag zum Fragmentestreit, der auf von Lessing geschriebenen, äußerst streitbaren Äußerungen gegen die Orthodoxie beruhte. Der Herzog von Braunschweig entzog Lessing daraufhin das Recht, theologische Schriften zu veröffentlichen. Und vielleicht rührt daher die „trockene“ Art des Lehrstückes: Der „Nathan“ ist Lessings Art, „den Theologen einen ärgeren Possen“ zu spielen als mit den Fragmenten. Die Uraufführung ging baden. Erst Schillers Überarbeitung sorgte 1801 in Weimar für Furore.

Unbestritten ist das Stück aktuell. Lessing lässt den weisen Nathan fragen: „Sind wir unser Volk? Was heißt denn Volk?“ Die Parabel, entnommen aus dem Decamerone, steht für Toleranz und Humanität, denn „die Tyrannei des einen Rings ist nicht mehr länger zu dulden“. Und doch wirkt alles konstruiert – was aufgrund der Entstehungsgeschichte kein Wunder ist. Die Tübinger Inszenierung von Christoph Roos tut leider kaum etwas, um die starre Form aufzubrechen. Die Schauspieler wirken wie Demonstrationsfiguren. Wegen des Stückes, nicht wegen der Schauspieler selbst: Dass Nathan nicht der alte weise Herr sondern vielmehr ein Geschäftsmann in den besten Jahren ist, tut dem Charakter gut. Und Patrick Schnicke spielt diesen auch überzeugend. Ebenso findet Rolf Kindermann eine spielerische Art für Saladin, die schön im Kontrast zur hehren Ernsthaftigkeit des Tempelherren, leidenschaftlich gespielt von Heiner Kock, steht.

Das Stück nicht zwanghaft zu modernisieren, ist sicher eine gute Entscheidung. Aber ein wenig Kürzen hätte nicht geschadet. Denn so wirkt das Stück seltsam leblos, wie das Lesestück, als das es ursprünglich gedacht war. Selbst die Parolen-Einsprengsel verfehlen in dieser Starre ihre Wirkung. Doch vielleicht ist das ein zu subjektiver Eindruck: Das Publikum im ausverkauften Stadttheater belohnte die neun Schauspieler mit reichem und langanhaltenden Applaus.

Susanne Greiner

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