Entscheidende Abläufe

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Um den Ernstfall realitätsnah erproben zu können, wurde das Unglücksszenario möglichst realistisch nachempfunden. Die Verletzungen der „Opfer“ wirkten täuschend echt.

Dornstetten/Penzing – Das Zug­unglück in Bad Aibling oder die Flugzeugkollision bei Überlingen haben eines gemeinsam: Sie erforderten den schnellen und wohl koordinierten Einsatz zahlreicher Helfer, darunter auch Einheiten der Bundeswehr und aus dem benachbarten Ausland. Um derlei Lagen reibungslos erproben zu können und Nachholbedarf in der gegenseitigen Abstimmung zu ermitteln, sind regelmäßige gemeinsame Übungen unentbehrlich. Eine solche fand am Mittwoch auf dem Truppenübungsplatz Dornstetten statt. Für SAR-Kommandos vom Penzinger Fliegerhorst, aus der Schweiz und Österreich ging es gemäß Szenario darum, einen „abgestürzten“ Hubschrauber und dessen Crew zu orten und zu versorgen.

Ein Learjet des österreichischen Ministeriums für Zivilluftfahrt braust am Mittwochber den Landkreis. Er ist auf der Suche nach einem abgestürzten Hubschrauber und ortet diesen schließlich in der Nähe von Dornstetten bei Unterdießen. Wenig später treffen zwei SAR-Kommandos (Save and Rescue) ein. Die schweizerische Einheit, die in Luzern aufgestiegen ist, landet mit einem Hubschrauber des Typs Super-Puma. Vom Penzinger Fliegerhorst aus macht sich eine Crew in einer Bell UH-1 D auf den Weg. Vor Ort steigt Rauch auf, zwei blutverschmierte Schwerverletzte befinden sich noch in der verunglückten Maschine. Ein drittes Besatzungsmitglied irrt orientierungslos durch den Wald.

Internationaler SAR-Test

Täuschend echt geht es auf dem Truppenübungsplatz bei Dornstetten zu, als die internationalen Retter den Ernstfall proben. Doch von Anfang an ist klar: Das Szenario dient lediglich der Abstimmung der gemeinsamen Abläufe. Nachdem das RCC (Rescue Coordination Center) der Bundeswehr in Münster, das sämtliche Flugbewegungen im deutschen Luftraum aufzeichnet, Alarm auslöst, beginnt für die Einheiten in Österreich, der Schweiz und Deutschland der Einsatz. Aufgabe der Österreicher ist es, die Notfunkgeräte, die jedes „verunglückte“ Crew-Mitglied mit sich führt, im großflächigen Überflug zu orten. Den Einsatz am Boden, die Versorgung und Bergung der aufwendig geschminkten Opfer, übernehmen dann die Schweizer und Deutschen. Warum der große Aufwand?

Oberstleutnant Achim Rösen, Leiter des deutschen RCC zählt einige „große Dinger“ der Vergangenheit auf. Also Katastrophen, die den länderübergreifenden Einsatz verschiedener SAR-Einheiten erforderten: Das Zugunglück in Bad Aibling sei so ein Fall gewesen, oder die Flugzeugkollision im Jahr 2002 bei Überlingen. Regelmäßige Übungen sollen dabei helfen, den Ablauf zu perfektionieren. Denn die Praxis birgt Tücken.

Und auch diesmal klappt nicht alles wunschgmäß: Die Schweizer erhalten zunächst, trotz anderslautender Abkommen, keine Einflugerlaubnis. Dann treten an der Maschine technische Schwierigkeiten auf, die Crew muss den Hubschrauber wechseln. „Alles wie im richtigen Leben“, stellt Rösen fest. Auch die Strukturen innerhalb der verschiedenen Länder, die „Systeme“, wie es der koordinierende Oberstleutnant nennt, variieren: Während die eingesetzten deutschen Bell-Hubschrauber der Bundeswehr unterstehen, ist in der Schweiz die Kantonspolizei, in Österreich das Amt für Zivilluftfahrt zuständig. Und es gibt weitere Eigenheiten: So finden im Super-Puma der Schweizer zwar mehr Personen und Gerätschaften Platz als in der deutschen Bell, doch die Eidgenossen transportieren die Verwundeten grundsätzlich nicht ab. Sie übernehmen lediglich die Erstversorgung, eine Trage befindet sich nicht an Bord. Derlei Umstände im Notfall bei der Koordination zu berücksichtigen, ist elementar.

„Wir haben einige Punkte ermittelt, an denen wir nachfassen müssen“, zieht Rösen, der insgesamt zufrieden ist, nach der Übung sein Fazit. Die gemeinsame Basis stehe fest und habe sich bewährt, den Stellenwert von Probedurchläufen wie in Dornstetten erachtet er dennoch als hoch. Einmal jährlich proben die drei beteiligten Länder gemeinsam den Ernstfall, der Gastgeber wechselt reihum. Auch mit den Benelux-Staaten, vor allem Belgien, sowie Tschechien und Polen finden ähnliche Übungen statt, regelmäßig wird eine deutsche Delegation nach Kanada ent­sandt.

Der große Aufwand wie jüngst in Dornstetten, wird auch deshalb betrieben, um drei Ebenen der Luftrettung erfassen zu können: Das Anfordern und Koordinieren, die generelle Zusammenarbeit und jene am Boden. „Wenn wir das einfacher gestalten, fällt etwas weg“, erklärt Rösen, der wohl letztmals eine derartige Übung im Landkreis ansetzen konnte. Denn wenn die altgedienten Bell-Hubschrauber, von denen stets mindestens einer in Penzing auf Stand-By verfügbar ist, im Jahr 2019 durch modernere Maschinen des Typ Airbus H135 oder 145 abgelöst werden, ist die Verlegung der SAR-Staffel nach Niederstetten bereits abgeschlossen.

Rasso Schorer

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