Macht und Ohnmacht

Maria Stuart (Britta Hübel) und ihr treuer Kammerdiener Kennedy (Gotthard Sinn). Foto: Eckstein

Was ist Macht, wie soll und darf sie ausgeübt werden? Die zentrale Frage von Friedrich Schillers Trauerspiel „Maria Stuart“, mit dem das Landestheater Tübingen jüngst im Stadttheater Landsberg gastierte, ist heute genauso brisant wie im 16. Jahrhundert, zu Lebzeiten der schottischen Königin.

Es beginnt mit einer Rechtfertigung: Der Hüter Maria Stuarts, Amias Paulet (Christian Dräger), zählt die Gründe auf, die den in Europa einmaligen Vorgang, die Hinrichtung eines gekrönten Hauptes, rechtfertigen würden. Die Fakten sind historisch belegt, ihre Auslegung nicht so ganz, wie heute noch Gelehrtendispute zeigen. Maria Stuart war (mit hoher Wahrscheinlichkeit) in die Ermordung ihres zweiten Ehemannes verwickelt, in England, wo sie auf Anweisung ihrer Verwandten Elisabeth I. gefangen gehalten wurde, machte sie sich des Hoch­- verrats schuldig, indem sie sich an verschiedenen Verschwörungen beteiligte, die ihre Freilassung und Inthronisation zum Ziel hatten. Tod und Leben der legendär schönen Königin hatte schon zahlreiche Bearbeitungen hervorgebracht, hauptsächlich als barocke Märtyrer­- tragödie, als Friedrich Schiller den Stoff entdeckte und mit dichterischer Freiheit um ein paar dramatische Elemente anreicherte. Ließ Elisabeth Maria hinrichten, weil sie sie politisch fürchtet oder aus Eifersucht? Oder beides? Die Inszenierung von Regisseur Mario Portmann spielt bewusst mit der Geschlechterfrage: die Königinnen sind die einzigen Frauen unter lauter Männern, die in ihren weißen Uniformen gleich aussehen, austauschbar – die anderen Frauenrollen wurden gestrichen oder wie im Fall „Kennedy“ (Gotthard Sinn) umbesetzt. Doch die Macht verschiebt sich ständig. Wirkt Elisabeth (Jessica Higgins) mal wie ein Spielball vor dieser Chorus Line der Lords, kriechen diese im nächsten Moment vor ihr. Auch Maria (Britta Hübel), die Gefangene, triumphiert in der Begegnung mit ihrer Rivalin. Wie willkürlich die Machtverhältnisse gesetzt sind, zeigt der Regisseur durch den Rollentausch in der großen Begegnungsszene. Sehr spannend in Szene gesetzt, was aber hauptsächlich an der guten schauspielerischen Leistung lag, die mehr überzeugte als das Regiekonzept selbst. Geschmacklos Natürlich war England im 16. Jahrhundert eine anerkannte Seemacht, aber müssen die Lords deswegen in weißen Uniformen Broadway-Choreografien absolvieren? Zusammen mit der abschüssigen Bühne werden so „Titanic“-Assoziationen wach, die man zwar auch irgendwie weiterinterpretieren könnte, aber wozu? Elisabeths Untergang? Auch die Symbolik der weißen und schwarzen Handschuhe wirkte eher aufgesetzt, Mortimers Tod (etwas anstrengend: Martin Schultz-Coulon) als gekreuzigter Jesus hin­- gegen geschmacklos. Die Soundeffekte wirkten eher störend. Doch Schiller sei Dank: die wunderbare Sprache tröstete über die Schwächen der Inszenierung hinweg, ein übriges taten die Schauspieler, allen voran Britta Hübel als Maria Stuart und Jessica Higgins als Elisabeth, wenn auch letztere ab und zu überzeichnete. Auch Philip Wilhelmi als Graf Leicester und Udo Rau als Baron Burleigh überzeugten als Gegenspieler. Insgesamt ein sehr interessanter Abend, der Lust macht, den Schiller-Band wieder einmal aus dem Regal zu ziehen.

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