"Wir haben keine Probleme"

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Noch heute bekommt Michael Deininger (knieend) Gänsehaut, wenn er an die Dankbarkeit der Menschen bei der Wasserverteilung denkt.

Dießen/Schondorf – Michael Deininger hat Weihnachten und Neujahr im Kreise seiner Familie in Schondorf verbracht. Vor gut vier Wochen gehörte er nach dem zerstörerischen Taifun „Hayan“ zu den Ersthelfern auf den Philippinen. 17 Tage war der 46-Jährige dort mit dem Technischen Hilfswerk im Einsatz.

Einer, der gerne anpackt: Michael Deininger.

Als Wassermeister ist Deininger für die Wasserversorgung in Dießen und in den dazugehörigen Ortsteilen zuständig, außerdem ist er Mitglied beim THW. „120 bis 130 Liter Wasser werden in Deutschland pro Tag und Person durchschnittlich verbraucht“, erzählt er. Auf Bantayan sei es Ziel gewesen, pro Familie 40 Liter Wasser pro Tag als Erstversorgung abgeben zu können. „In einer Familie leben häufig acht bis zehn Leute“, berichtet er weiter. Der schönste Moment sei deshalb der gewesen, als die mitgebrachte Wasseraufbereitungsanlage am 20. November auf Bantayan hochgefahren und wieder sauberes Wasser an die Bevölkerung vor Ort abgegeben werden konnte. „Hunderte von Leuten standen da und lächelten. In dem Augenblick haben wir wieder deutlich gespürt warum wir das Schlafdefizit und die schwere körperliche Arbeit bei extremer Hitze auf uns genommen hatten. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut wenn ich daran denke.“ Medizinische Versorgung sei nach so einer Katastrophe Nummer eins, sagt Deininger. „Aber gleich danach kommt die Wasserversorgung.“ 

Für Michael Deininger war sein Einsatz auf den Philippinen nicht der erste. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter und Teamleiter der SEEWA-Truppe (Schnelle Einsatzeinheit Wasser Ausland) war er seit 2005 bereits in Pakistan, Sri Lanka, Indonesien, Haiti und Ghana gewesen. Das Schwierigste sei immer der Weg ins Zentrum der Katastrophe, sagt er. Nicht anders auf auf den Philippinen: In Cebu, wo Deininger mit dem 24-köpfigen Team und 20 Tonnen Material gelandet war, hielten sich die Zerstörungen noch in Grenzen. „Aber wir wussten durch unsere Erkundungen, dass es im Norden viel schlimmer ist. Auf dem Weg zu der vorgelagerten, Insel Bantayan, die im Zentrum des Taifuns lag, mussten wir leider an vielen Menschen vorbeifahren die auch Hilfe benötigt hätten.“ 

Bis 50000 Liter täglich 

Auf Bantayan gab es keine Stromversorgung mehr. Der Wirbelsturm war mit 295 Stundenkilometern über die Insel gefegt, 80 bis 90 Prozent aller Häuser waren zerstört, sämtliche Palmen und Straßenlampen wie Streichhölzer umge­- knickt und alle Bananenplantagen vernichtet. Zwei bis drei Meter tiefe Hausbrunnen, die zum Teil noch existent waren, waren extrem mit Keimen belastet. „Es ist absolut unvorstellbar, so etwas zu trinken“. Die SEEWA musste zuerst den Lager- und Aufbereitungsplatz bei Santa Fe von Baumstämmen und anderem Schutt räumen. Dann waren Anschlussprobleme zu bewältigen, weil auf den Philippinen andere Wasserleitungssysteme als in Deutschland eingesetzt werden. Mitt­- lerweile produziert die Anlage 30000 bis 50000 Liter Trinkwasser pro Tag. 

Bis Ende Januar 

Das dezentrale Wasserverteilungssystem mit aufblasbaren Wassertanks funktioniere auf Bantayan mittlerweile recht gut, so Deininger, aber flächendeckend sei die Wasserversorgung bislang noch nicht wiederhergestellt. Ein Problem sei nach wie vor die Stromversorgung. Immer noch sind THW-Mitarbeiter dort, vermutlich noch bis Ende Januar. „Dann könnte der Zustand im Bereich der Wasserversorgung vielleicht wieder so sein wie vor dem Taifun“, hofft Deininger. In der Weihnachtszeit war Deininger in Gedanken oft auf den Philippinen. Gerne erinnert er sich an die Freundlichkeit der Menschen. „In Anbetracht von all dem Überfluss in dem wir leben, sind die Bedürfnisse der Menschen auf den Philippinen derzeit schon sehr grundsätzlicher Natur“. Durch dieses Bewusstsein relativiere sich für ihn vieles, sagt Deininger. Und er fügt hinzu: „Manchmal denke ich, unsere Probleme sind eigentlich gar keine“.

Ursula Nagl

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