Missbrauch:

500 "Notrufe" in vier Tagen

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Symbolfoto

Landsberg – Immer und immer wieder wählte er die Notrufnummer der Polizei – weil ihm langweilig war oder er die Beamten bitten wollte, ihm Mittagessen zu kochen. Oder er legte einfach wieder auf, um im nächsten Moment die Wahlwiederholung zu drücken.

An vier Tagen zwischen September 2012 und April 2013 ging das so, insgesamt rief der 21-jährige Lechstädter fast 500 Mal die Polizei an. Wegen Missbrauchs von Notrufnummern stand er jetzt vor dem Jugendschöffengericht.

Der junge Mann hat massive psychische Probleme. Ein Gutachten bescheinigt ihm eine Persönlichkeitsstörung, Autismus, schwere seelische Abartigkeit und verminderte Steue­rungsfähigkeit. Er hat Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen und kann offenbar nicht einschätzen, wie er auf diese wirkt. So versetzte der 21-Jährige eine Mitarbeiterin des Jobcenters in Angst und Schrecken, als er ihr eine Aldi-Tüte abnehmen wollte. Er vermutete, sie habe die Tüte seinen Eltern gestohlen, die auch gerade bei Aldi eingekauft hatten. Ein andermal bat er eine Frau auf dem Parkplatz vor dem Kaufland, ihn heimzufahren. Als sie ablehnte, setzte er sich einfach in ihr Auto.

Aufgrund solcher Vorfälle stand der Landsberger schon mehrfach vor Gericht und hat inzwischen sieben Vorstrafen angesammelt. Eine noch größere Zahl an Verfahren wurde eingestellt – allein 17 in diesem Jahr, wie Staatsanwalt Marco Ottaviano sagte. „Ich hoffe jedes Mal, dass ich Sie hier nicht wiedersehe“, so der Vorsitzende Richter Alexander Kessler zu dem Angeklagten.

Dieser zeigte sich reumütig und einsichtig, bisweilen sogar treuherzig. Dass er seine – dringend notwendigen – Besuche beim Psychotherapeuten seit zwei Monaten schwänze, erklärte er mit der Aufregung vor der Gerichtsverhandlung. „Sie waren bestimmt auch schon mal aufgeregt“, wandte er sich an Kessler, „zum Beispiel an Ihrem ersten Tag als Richter.“

Arbeiten kann der 21-Jährige nicht, auch Versuche ihn in einer Behindertenwerkstatt unterzubringen scheiterten. Seine Schullaufbahn endete ohne Abschluss, obwohl er vom Förderzentrum eine Empfehlung für die Realschule bekam. Doch es fand sich keine, die ihn mit seinen seelischen Problemen aufgenommen hätte. An der Hauptschule kam er nicht klar, wurde schließlich vom Unterricht ausgeschlossen. Seine erste eigene Wohnung musste er wieder verlassen, weil es laufend Ärger mit den Nachbarn gab. Um ihm trotzdem eine gewisse Eigenständigkeit zu ermöglichen, richteten ihm seine Eltern zwei Zimmer im Haus seines verstorbenen Großvaters her, wo er im Moment lebt. „Da komme ich super klar“, berichtete der 21-Jährige. „Ich putze und kann schon zehn Sachen kochen.“

Blieb die Frage, wie der Missbrauch der Notrufnummern zu bestrafen war. Staatsanwalt Ottaviano forderte zwei Wochen Dauerarrest, um dem Angeklagten vor Augen zu führen, „dass es so nicht mehr weitergeht“. Verteidiger Peter Amend verwies auf die verminderte Schuldfähigkeit seines Mandanten. „Man muss ihm vor allem helfen.“ Richter Kessler und die Schöffen verhängten schließlich einen Wochenendarrest, 40 Stunden soziale Hilfsdienste – und die Auflage, dass der 21-Jährige regelmäßig zu seinem Therapeuten geht.

Ulrike Osman

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