Brückenbau-Debatte

100 Jahre Bausubstanz

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Als stabiles Ganzes hob ein von der Stadt beauftragtes Spezialunternehmen die nördliche Brüstung der Mühlbachbrücke auf einen Tieflader. UBV-Stadtrat Medardus Wallner wertet das als klares Indiz für den guten Zustand des Mauerwerks aus dem 1920er Jahren.

Landsberg – UBV-Stadtrat Medardus Wallner hadert. Mit wem genau, lässt sich nicht so einfach sagen. Mit dem Gutachter, der konstatiert hat, dass die Brücke über den Mühlbach zwischen Rossmarkt und Hinterer Mühlgasse erneuerungsbedürftig war? Mit der Stadtverwaltung, die einen Abriss der gesamten Brücke (einschließlich der stattlichen Brüstung aus den 1920er Jahren) beantragte? Mit dem früheren Stadtrat, der dieser kompletten Erneuerung zustimmte und Haushaltsmittel dafür genehmigte?

Einer dieser drei Akteure muss es sein. Aber oft verschwenken Streitigkeiten auf Nebensächlichkeiten. Im vorliegenden Fall geht es derzeit um die Frage, ob Tiefbauamtschef Hans Huttenloher in einer Sitzung des Bauausschusses im September 2015 auf Nachfrage Wallners eingeräumt hat, dass man die Brüstung hätte erhalten können. Wallner behauptet: Ja, das hat er gesagt. Um das instrumentalisieren zu können, bat er in der folgenden Stadtratssitzung um ein Wortprotokoll. Das wurde durch Abnicken beschlossen. Also erstellte Florian Kurz aus dem Referat Allgemeine Verwaltung eine Abschrift der Ton­aufzeichnung.

Dieses Wortprotokoll ging dann offenbar den Weg, den jedes Protokoll nimmt. Es ist in „Allris“, dem Ratsinformationssystem (für Stadträte), einsehbar, wird ansonsten noch einmal „körperlich“ in der Sitzung herumgereicht und gilt als genehmigt, wenn niemand bis zum Ende der Sitzung widerspricht. Nun bestätigt diese Abschrift aber nicht das, was Wallner gehört zu haben glaubt. Er hält das Dokument daher für falsch. Das beklagte er in der Sitzung des Bauausschusses am vergangenen Mittwoch vehement.

Er gebe zwar Florian Kurz nicht die Schuld: „Sie haben Ihre Anweisungen“. Offenbar wittert er ein Verwaltungskomplott. Kurz beteuerte, weder eine Anweisung bekommen noch unsorgfältig gearbeitet zu haben – fünf Mal habe er das „Tonband“ angehört. Dass die Abschrift korrekt ist, kann man allerdings nicht mehr feststellen. Die Geschäftsordnung des Stadtrats sieht vor, dass die Tonaufzeichnung nach „Genehmigung“ des Protokolls zu löschen ist. Dies habe Kurz pflichtgemäß getan.

Schlecht verständlich

Was wahr ist, bleibt offen. Auffallend war, dass auf der Verwaltungsbank schon die Linie aufgebaut wurde, das „Band“ sei sicher akustisch schlecht verständlich gewesen. Aber darauf kommt es letztlich nicht an. Egal ob Huttenloher später Einsicht gezeigt hat oder nicht: Fest steht, dass niemand bisher überzeugend dargelegt hat, dass nicht nur die Brückenkonstruktion als solche, sondern auch die „historische“ Brüstung ersetzt werden musste – und dann auch noch durch Beton. Die Vermutung liegt nahe: Die Brüstung war wohl nicht entsorgungsbedürftig. Dafür spricht auch Wallners Beobachtung, dass die nördliche als Ganzes mit einem Baugerät abgehoben und ohne zu bröckeln durch die Luft transportiert wurde. Über Passanten, Autos und Häuser hinweg.

Ob der Wein-, Tabak- und Käseexperte die nötige bauliche Expertise hat? Auch das weiß man nicht. Rechtlich jedenfalls begibt er sich auf dünnes Eis. Das ahnt er wohl selbst, denn er bat – wenn man das richtig verstanden hat – darum, dass die Stadt ihm das Geld für einen Anwalt gibt, um die Stadt zu verklagen. Besser dürfte freilich sein, wenn alle sich noch einmal an einen Tisch setzen und für die Zukunft festlegen, wie wir mit unserem Stadtbild umgehen, wenn Denkmalschutz nicht greift. Wie leicht geben wir 100 Jahre alte Bausubstanz auf? Wie schnell entscheiden wir für Kosteneinsparung und gegen Ästhetik? Dann hätte Wallners Vorstoß einen dauerhaften Sinn.

Werner Lauff

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