"Faust" im Zeitraffer

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„Das also war des Pudels Kern“: Faust (Johannes Schön, links) sieht sich mit Mephisto (Gerd Lohmeyer) konfrontiert.

Landsberg – Goethes Mammutwerke Faust 1 und 2 zusammengefasst? Peter Stein brauchte dafür in seiner Inszenierung zur Expo 2000 mehr als 21 Stunden... Das Ensemble der „Münchner Tournee“ schaffte es am Freitagabend in rund zweieinhalb Stunden, ohne Goethe dabei zu verlieren. Eine Meisterleistung.

„Faust, die Frauen und das Wasser“ – der Name ist Konzept. Auf der Bühne: ein Podest, eine Badewanne, ein roter Vorhang an einem quadratischen Gestänge schafft Räume. Vier Schauspieler, davon zwei Protagonisten (Johannes Schön als Faust und Gerd Lohmeyer als Mephisto) und zwei „Springer“ (Ina Mehling, Ferdinand Schmidt-Modrow). Mehr braucht Regisseur Ion C. Thoma nicht, um Johann Wolfgang von Goethes Menschheitsdrama überzeugend, knapp und dennoch werkgetreu auf die Bühne zu bringen.

Jeder kennt mindestens eine Handvoll Faust-Zitate. Diese so zu präsentieren, dass sie neu und vor allem „echt“ klingen, ist eine Bewährungsprobe – kein Problem aber für dieses Ensemble. Die Darsteller jonglieren virtuos, mit viel Spielfreude mit Goethes Sprache, lassen sie bei aller Texttreue authentisch und frisch klingen, verleihen den Charakteren Tiefe und Lebenswirklichkeit. Spannend und dramaturgisch dicht kommt der erste Teil, die sogenannte „Gretchentragödie“.

Braucht Johannes Schön auch erst eine gewisse Anlaufzeit, um in die Rolle zu finden, ist Gerd Lohmeyer von der ersten Minute an ein brillanter, diabolisch-ironischer Mephisto, ein Meister der Manipulation, aber dabei durchaus nicht unsympathisch. Doch schauspielerische Glanzpunkte setzte hier vor allem Ina Mehlings Gretchen, ein naiv-natürlicher Teenie, bei dem der Übermut manchmal durchblitzt, der gegen seine Angst ansingt und das Publikum schließlich in der Kerker-Szene gebannt mitleiden lässt.

Dass der zweite Teil nur schwer in Gang kommt, lag nicht an der Inszenierung. Leider hatten viele Zuschauer scheinbar den Pausenende-Gong überhört, so dass während der ersten Minuten der zweiten Hälfte ein ständiges Hin-und Her im Zuschauerraum herrschte – eine Unhöflichkeit, die Schön und Lohmeyer souverän-ironisch in ihrem Spiel konterten. 

Der „Tragödie zweiter Teil“ – auch hier Fausts Beziehung zu Frauen im Vordergrund, zur legendären Schönen Helena. Auch sie, auch das gemeinsame Kind verliert er im Wasser, scheitert bei dem sinnlosen Versuch, dem Wasser Herr zu werden und verliert schließlich die Wette mit Mephisto. Sein Grab findet er, Marat gleich, in der Badewanne.

Ein überzeugendes Konzept, brillant umgesetzt und mit viel Applaus bedacht, aber auch ein Maßstab für künftige „Faust-Inszenierungen“, denn Ioan C. Thoma hat in dieser Inszenierung bewiesen, dass in zweieinhalb Stunden alles Wesentliche gezeigt werden kann. Und es war immer noch Goethe.

Patricia Eckstein

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