Nadelstiche ohne Erfolg

Solche Piekser wirken sicher… Cartoon: Pfeffer

Ein 47-Jähriger aus dem nördlichen Landkreis muss für zehn Monate ins Gefängnis, weil er sich als Heilpraktiker ausgab und unerlaubterweise Akupunktur-Be­- handlungen durchführte. Dies vor allem an Frauen, mit denen er gleichzeitig eine Beziehung hatte, sowie in deren Familien- und Freundeskreis. Für Dr. Wolfgang Daum, den Vorsitzenden des Schöffengerichts Landsberg, war der Angeklagte der klassische Typ des Betrügers – jemand, der versucht, sich größer darzustellen, als er ist.

Der 47-Jährige tummelte sich gern auf verschiedenen Internet-Plattformen, wo er Kontakt zu Frauen aufnahm, sich dann schnell mit ihnen verabredete und ebenso schnell Beziehungen einging – teilweise nacheinander, teilweise „zweigleisig“, wie er das Gericht wissen ließ. Eine der Affären dauerte nur zwei Wochen, die längste eineinhalb Jahre. In allen Fällen ließ er seinen Partnerinnen Akupunktur-Behandlungen angedeihen oder renkte angebliche Fehlstellungen der Wirbelsäule ein. Auch Familienangehörige und Freunde der Frauen kamen in den Genuss seiner Behandlungen. Kostenfrei behandelt Keiner von ihnen bat konkret um Hilfe – vielmehr las der Angeklagte gern ungefragt Diagnosen aus der Hand ab. Auf einer Geburtstagsfeier behandel­- te er die Gäste im Flur. Den Eltern einer seiner Freundinnen setzte er nachts um eins nach ein paar Gläsern Wein Nadeln gegen Beschwerden in Händen und Armen. Geld nahm er dafür nur in einem einzigen Fall. Geschadet haben seine Behandlungen nicht – allerdings auch nicht geholfen. „Er konnte einen sehr charmant einwickeln“, erklärte eine der Ex-Freundinnen, eine 41-Jährige aus Adelsried. Sie war es, die das Verfahren gegen den 47-Jährigen ins Rollen gebracht und Kontakt zu anderen Geschädigten aufgenommen hatte. „Eigentlich hatte ich von Anfang an ein komisches Gefühl, aber es war nicht greifbar“, so eine 41-Jährige aus Grafing vor Gericht. Der Angeklagte habe sich als weltgewandt, weitgereist und vielseitig präsentiert, wollte bei einem zweijährigen Aufenthalt in China in Traditioneller Chinesischer Medizin ausgebildet worden sein, hatte angeblich eine Karriere als Unterhosen-Modell und eine bei der Bundeswehr hinter sich. Der wahre Lebenslauf des 47-Jährigen nimmt sich dagegen sehr viel bescheidener aus: Hauptschulabschluss, abgebrochene Kochlehre, Ausbildung zum Bürokaufmann, später eine eigene Transport- und eine Computerfirma, die aber beide nicht mehr existieren. Nach einem Arbeitsunfall lebt der Vater zweier Kinder, von deren Mutter er im letzten Jahr geschieden wurde, von 700 Euro Rente im Monat. Tatsächlich besuchte er sechs Jahre lang eine Heilpraktiker-Schule in Augsburg, fiel aber dreimal durch die Ab­schluss­prüfung und besaß deshalb keine Zulassung für den Beruf. Vor Gericht stritt der Angeklagte zunächst ab, unerlaubte Behandlungen durchgeführt zu haben. Vielmehr sei eine „Hexenjagd“ gegen ihn im Gange. „Ich war nicht gerade nett zu den Damen, und jetzt sind sie alle sauer auf mich.“ Er legte Ausdrucke von alten e-Mails vor, in denen er darauf hingewiesen haben wollte, „dass ich als HP ohne HP-Schein nicht nadeln darf“. Die Echtheit dieser Mails stand allerdings stark in Zweifel. Keine der Zeuginnen konnte sich erinnern, eine solche erhalten zu haben. Zehn Vorstrafen Erst nach Ende der Beweisaufnahme rückte der Angeklagte kleinlaut damit heraus, dass er doch verbotenerweise Akupunktur praktiziert hatte. Das Geständnis kam aber viel zu spät, um ihm noch Pluspunkte einzubringen. Nicht weniger als zehn Vorstrafen fielen ebenfalls negativ ins Gewicht. Diebstahl, versuchte Brandstiftung, Betrug, Unterschlagung, Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung, Missbrauch von Titeln und Berufsbezeichnungen – eine der Ex-Partnerinnen des Mannes verließ entsetzt den Saal, als Richter Daum dieses Sündenregister verlas. Zehn Monate Haft ohne Bewährung wegen 15 Fällen des Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz – so lautete schließlich das Urteil. Zugunsten des Angeklagten wertete das Gericht, dass er mit seinen Behandlungen keinen Schaden angerichtet und meist auch kein Geld dafür genommen hatte. Der 47-Jährige habe sich nicht bereichern wollen, so Daum. „Er wollte lediglich mehr scheinen als sein.“

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