Der nette Onkel vom Wertstoffhof

Manchmal kommen schlimme Geschichten erst Jahre später ans Licht. Warum? Weil sie unangenehm sind – für alle Beteiligten. Den Fall eines 58-jährigen aus dem nörlichen Land­kreis woll­te lange niemand öffentlich machen, obwohl bekannt war, dass der Mann Mädchen und Frauen immer wieder unsittlich berührt hatte. Jetzt, nachdem ihn eine junge Frau angezeigt hatte, sind die sexuellen Übergriffe des Rentners vor dem Amtsgericht ver­handelt wurden. Eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sah das Gericht für den bisher unbescholtenen Mann vor.

„Es ist schwierig, sich das selbst einzugestehen“, erklärte Rechtsanwalt Stephan Eichhorn über seinen Mandanten und gab zu Bedenken: „Der Angeklagte wohnt in einem kleinen Ort, wo er überall bekannt ist.“ Trotzdem sei der 58-Jährige von selbst mit dem Geständnis gekommen. Zwar war das Äußerste, eine Vergewaltigung, nie geschehen – die Opfer müssen aber mit unangenehmen Be­rüh­rungen und auch beleidigende Äußerungen verarbeiten. Sexueller Missbrauch von Kindern, sexuelle Nötigung und Beleidigung lautete die Anklage, von Staatsanwalt Johannes Ballis verlesen. Noch keine zwölf… Viele Jahre liegt die erste Tat zurück. Auf dem Wertstoffhof im Dorf, wo der 58-Jährige arbeitet, hatte er 2001 ein Kind, noch keine zwölf Jahre alt, am Hintern angefasst und sie dann hinter einem Container an der Brust berührt und geküsst. Eine andere Frau aus dem Dorf, damals 41, berichtete, durch den Angeklagten in ihrer Wohnung sexuell genö­tigt worden zu sein. Der Übergriff auf eine junge Frau auf offener Straße brachte die Taten des Mannes schließlich ans Licht. Im Juli letzten Jahres war es passiert, dass der Mann auch sie begrabscht hatte. „Die Frau litt sehr darunter“, erklärte die Polizeibeamtin aus Landsberg, die die Anzeige der Geschädigten aufgenommen hatte und weiterermittelt hatte. Bei ihrer Vernehmung sei dann klar geworden, dass sich der Angeklagte bei Frauen des öfteren nicht unter Kontrolle hatte. „Hinter vorgehaltener Hand wusste man davon, aber keiner hat etwas gesagt“, schilderte die Polizistin die Situation. „Niemand wollte mehr zum Wertstoffhof fahren.“ Fast die ganze Zeit der Verhandlung hatte der Beschuldigte den Blick gesenkt – sichtlich beschämt über seine Taten. Er bestätigte, dass ihm erst später klar geworden sei, was er getan habe und „bestimmt sei es furchtbar für die Opfer“. Über sich selbst erzählte er, schon seit Jahren enthaltsam leben zu müssen. Er sei an Leukämie erkrankt gewesen. Wegen einer medizinischen Behandlung hätten ihm die Ärzte Geschlechtsverkehr untersagt. „Ich habe Mitleid gesucht“, ver­suchte sich der Angeklagte zu erklären. Das Gericht mit Richter Alexander Kessler vermutete, dass er sich meist an junge Frauen herangemacht habe, weil er von ihnen wohl weniger zu be­fürch­ten hatte. „Sie haben über Jahre hinweg so etwas wie ein Doppelleben geführt“, hielt Richter Kessler dem Angeklagten vor. „Auf der einen Seite waren sie der nette Onkel vom Wertstoffhof, aber im Verborgenen jemand, der junge Mädchen be­lästigt.“ Inzwischen hat der 58-jährige getrennt Lebende begonnen, seine Übergriffe in Gesprächen mit Therapeuten auf­zuarbeiten. Der Richter erlegte ihm zur Bewährungsstrafe eine sexualtherapeutische Behandlung und eine Geldzahlung von 1000 Euro auf. Kessler empfahl zudem, die Tätigkeit auf dem Wertstoffhof zu beenden: „Sie haben da eigentlich nichts mehr verloren.“

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