Jahnbaracken

Längst überfälliger Neubau

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Ebenso wie in Ingolstadt (Foto) sollen die Wohnungen für obdachlose Menschen an der Jahnstraße in Stahlbeton-Sandwich-Fertigteil-Bauweise entstehen.

Landsberg – Allein bei dem Gedanken, dass Menschen im Stadtgebiet noch in Holzbaracken wohnen, wird dem Oberbürgermeister ganz „unwohl“. Als „katastrophal“ bezeichnet Mathias Neuner die hygienischen Bedingungen in der Obdachlosenunterkunft an der Jahnstraße, auch deshalb sei ein Neubau „längst überfällig“. Im kommenden Jahr sollen die Jahrzehnte alten Bretterbuden einem Massivbau weichen. Und das hat seinen stolzen Preis: fast vier Millionen Euro.

Im Grundsatz war man sich gestern im Stadtrat einig: Es ist höchste Zeit, jenen Mitbürgern, die aus welchen Gründen auch immer kein Dach mehr über dem Kopf haben, eine menschenwürdige Bleibe anbieten zu können. Das spiegelt sich im Projektbeschluss wieder, den das Plenum bei nur einer Gegenstimme (Petra Kohler-Ettner, CSU) fasste und weitere Planungsschritte in Auftrag gab.

Für harsche Kritik indes sorgte die Kostenmehrung. Das Baureferat hatte ursprünglich als „Hausnummer“ (Stadtbaumeisterin Birgit Weber) 2,7 Millionen Euro für die Haushaltsaufstellung angemeldet, jetzt muss Kämmerer Peter Jung sehen, wie er mit den 1,3 Millionen zusätzlich zurechtkommt. „Das müssen wir aus der Liquidität finanzieren“, sagte er ohne Umschweife. Eine 60-prozentige Unschärfe sei „erschreckend und nicht seriös“ empörte sich UBV-Fraktionschef Christoph Jell, da wisse er, unter anderem mit Blick auf den neuen Lechsteg und die Mittelschule, in Zukunft nicht mehr, was er glauben solle.

Wie es zu den deutlich höheren Kosten kam, versuchte Martin Janik von EAP Architekten zu erläutern. Das Münchner Büro war von der Stadt mit der Vorplanung beauftragt worden, weil es bereits einschlägige Erfahrung im Bau diverser Obdachlosenunterkünfte (Ingolstadt, Freising, Erding) hat. Vorweg stellte Janik klar, dass man für ein Klientel tätig werde, das einen Massivbau erfordere – und das sei grundsätzlich teurer. Mehr Wohnfläche als zunächst angenommen, eine zentrale Heizung (Pellets), schwieriger, zum Teil belasteter Baugrund mit hohem Grundwasserstand, hohe Kosten für Abbruch und Entsorgung der Holzbaracken, Mieten für Wohncontainer während der Bauzeit und die Ausstattung der Anlage hätten in der Entwurfsplanung zu den nunmehr verlässlichen Zahlen geführt.

36 Wohneinheiten

Die von Janik präsentierte Planung sieht vier zweigeschossige Häuser aus Stahlbeton-Sandwich-Fertigteilen vor. Sie sollen südlich der bestehenden Baracken um einen zentralen Innenhof entstehen. Die Anlage ist so situiert, dass der Altöttinger Weiher von dieser Seite wieder zugänglich sein wird. Insgesamt gibt es 36 Wohneinheiten mit 24 beziehungsweise 50 Qua­dratmeter Fläche, wobei die im Erdgeschoss barrierefrei sein werden. Die Bayerische Bauordnung schreibe das so vor. Die Wohnungen im Obergeschoss sind über einen Laubengang erschlossen.

Jede Wohneinheit für maximal vier Personen ist mit Betten, Tischen, Spinden und Kochnische ausgestattet – alles einfachster „Standard für Notunterkünfte“ (Weber) und überaus robust. Dr. Wolfgang Weisensee (LLM) empfand das offensichtlich immer noch als zu luxuriös. „Wir bauen keine Obdachlosenunterkunft, sondern Wohnungen für sozial schwächste Bürger“, mäkelte er an den Standards. Er kündigte an: „Wer da einzieht geht nicht mehr raus!“

Eben aus diesem Grund wolle man, und das ist ebenfalls neu in der Planung, mit der Förderstiftung des Diakoniedorfes Herzogsägmühle bei Peiting (Landkreis Weilheim-Schongau) zusammenarbeiten, erläuterte OB Neuner. Ziel sei es, die Menschen aus ihrer Obachlosigkeit möglichst schnell wieder in ein geregeltes Leben zurückzuführen. Ein „Kümmerer“ mit eigenem Büro in Haus 4, in dem es auch einen Gemeinschaftsraum geben wird, soll diese Aufgabe übernehmen. Die entsprechende Teilzeitstelle für Beratung und Betreuung ist von der Stadt zu finanzieren – knapp 20.000 Euro. Eine Entscheidung dazu fällt der Finanzausschuss des Stadtrates in seiner Sitzung am kommenden Mittwoch.

Stiftungssache

Voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres wird Baubeginn für die Obdachlosenunterkunft Landsberg (OLL) sein. Deren Betrieb werde künftig pro Jahr mit 80.000 bis 100.000 Euro zu Buche schlagen. Oberbürgermeister Neuner kann sich sehr gut vorstellen, dass diesen Beitrag in Zukunft die Heilig-Geist-Spitalstiftung übernimmt. Seiner Meinung nach würde das dem Stiftungszweck ebenso entsprechen wie die „Armenspeisung“, nämlich die Landsberger Tafel im Heilig-Geist-Spital.

Zweckentfremdet

Aktuell ist die Obdachlosenunterkunft an der Jahnstraße mit 16 Personen voll belegt. Den erhöhten Bedarf an weiteren Unterbringungsmöglichkeiten zeigte Kämmerer Peter Jung jetzt im Stadtrat auf. Wer bei der Stadt vorspricht, weil er kein Dach mehr über dem Kopf hat, muss in Sozialwohnungen untergebracht werden. Auf diese Weise seien im Moment 14 Stadtwohnungen „zweckentfremdet vermietet“. Weitere Obdachlose seien in vier Zimmern des Heilig-Geist-Spitals untergebracht.

Toni Schwaiger

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