Rund um die Zunftlade

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Bernhard Ernst, der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft Ammersee, stammt aus einer alteingesessenen Fischerfamilie. Er lebt und arbeitet in Utting.

Dießen – Gut 30 Familien sind es, die sich bis heute die Fisch­rechte auf dem Ammersee teilen. Viele von ihnen werden am heutigen Mittwoch, an Peter und Paul, nach Dießen kommen, um dort gemeinsam mit ihren Zunftkollegen den traditionellen Fischerjahrtag zu feiern. Um 9.30 Uhr trifft man sich vor dem Gasthof Unterbräu. Von dort aus wird der Festzug am See entlang zum Fischeramt in die Klosterkirche St. Alban ziehen, denn die Stammkirche der Fischer, St. Johann, wird derzeit saniert. Im Anschluss an den Gottesdienst trifft man sich ab zirka 11.30 Uhr wieder im Wirtshaus, zum Fachsimpeln und zum gemütlichen Beisammensein.

Einen ganz besonderen Schwerpunkt möchte der Vorsitzende Dr. Bernhard Ernst anlässlich der Zunftgründung vor 325 Jahren auf die Entstehungsgeschichte der Fischereigenossenschaft und auf das damit verbundene Brauchtum legen: Der am 25. Juni des Jahres 1691 ausgestellte Zunftbrief regelte erstmals einen engeren Zusammenschluss der Fischer am Ammersee und schützte sie gleichzeitig vor „Stimplern“, wie Ungelernte und nicht Fischberechtigte bezeichnet wurden, gab den Zunftmeistern eine klare rechtliche Stellung und förderte das gesellschaftliche Zusammenleben.

Eine Attraktion wird am Mittwoch vermutlich die alte Zunftlade sein, in der seit jeher wichtige Zunftpapiere wie das Protokollbuch oder das Totenbuch der Fischer aufbewahrt werden. Einen Schlüssel für die Lade besaßen der oberste Zunftmeister und dessen Stellvertreter. Nur mit beiden Schlüsseln gleichzeitig konnte die Zunftlade geöffnet werden, so dass immer das Vier-Augen-Prinzip herrschte. Gesprochen wurde bei Versammlungen stets nur solange, wie die Lade geöffnet war. Im Totenbuch gedenkt man seit 1691 bis heute handschriftlich den verstorbenen Zunftmitgliedern. Auch Auszüge aus dem Protokollbuch, das seit dem frühen 18. Jahrhundert geführt wird, wird Bernhard Ernst vortragen. Das Protokollbuch gab Auskünfte über Fischereirechte, besondere Ereignisse am Ammersee, sowie über Strafen, die die Zunftordnung ihren Mitgliedern bei Regelverstößen auferlegte. Der promovierte Biologe Ernst stammt selbst aus einer alteingesessenen Fischerfamilie, die über das Fischrecht beim „Lari“ verfügt. Die Fischrechte tragen bis heute Hausnamen und regeln die Anzahl der Netze und Reußen, die ausgebracht werden dürfen. Derzeit, so Ernst, sei er mit dem Ertrag zufrieden. Bis zu 20 Kilo frischen Fisch holt er pro Arbeitstag aus dem Ammersee. Für ein Leben als Vollerwerbsfischer reicht das allerdings nicht aus.

Verändert so Ernst, hätten sich in den vergangenen Jahrhunderten weniger die Fangmethoden, sondern eher die Vermarktungsstrategien. Sei der Fisch bis Ende der 80er Jahre mit der Bahn hauptsächlich nach München verfrachtet und verkauft worden, stehe heute die regionale Vermarktung im Vordergrund. Bis zu 95 Prozent seines Ertrags verkauft Ernst an die lokale Gastronomie. Der Rest dient dem Eigenbedarf oder wird in kleinen Mengen zu Schman­kerln verarbeitet und direkt verkauft. „Unser Fisch war früher ein Grundnahrungsmittel für die Menschen am See. Heute ist er ein exklusives Produkt aus der Natur, das große Wertschätzung erfährt“. Die Preise, so Ernst mit Blick nach München, seien dabei rund um den Ammersee allerdings noch „sensationell günstig“.

Ursula Nagl

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