Pflaster aus dem Reich der Mitte

Er meint gewiss „numeriert“… Cartoon: Pfeffer

Die Vorgabe des Stadtrates war unmissverständlich: Das Pflaster für den neuen Hauptplatz soll aus europäischer Herstellung kommen, und das darf auch ein paar Euro mehr kosten. Nun aber zeichnet die Ausschreibung ein anderes Bild: knapp 550000 Euro mehr müssten für den „fairen Einkauf“ hingeblättert werden. Da lockt das Produkt aus dem Reich der Mitte – wer will’s den Stadtoberen verdenken. Ob die Pflastersteine aus China künftig einen der „schönsten Hauptplätze Bayerns“ zieren werden, darf am heutigen Mittwochabend der Stadtrat entscheiden.

Im Zuge der Haushaltsberatungen im November war das Pflaster bereits kurz angeschnitten worden. Die um 400000 auf 3,9 Millionen Euro gestiegenen Umbaukosten begründete Tiefbaureferatsleiter Hans Huttenloher mit dem Stadtratsbeschluss für Granitpflaster aus europäischer Herstellung. Die Ernüchterung folgte am Montag im Arbeitskreis Hauptplatz in nichtöffentlicher Sitzung: Sofern man an der Vorgabe festhält, müsste die Stadt für das Pflaster 1,8 Millionen Euro hinblättern. Das vergleichbare Produkt aus chinesischen Stein­- brüchen hingegen kostet nur 1,24 Millionen Euro. Einigt sich der Stadtrat darauf, hellen Granit als Hauptmenge aus europäischen Gefilden und den hierzulande seltenen und demzufolge sehr teuren schwarzen Granit aus China zu beziehen, dann stehen immer noch 1,38 Millionen Euro zu Buche. Eben auf diesen Kompromiss zielt Ludwig Hartmann (Grüne) ab, sofern laut Ausschreibungs- und Vergaberecht überhaupt zulässig. Bei Aufträgen über einer Million Euro werde es recht kompliziert. „Wir bestehen darauf, dass das helle Pflaster aus Europa stammt, das schwarze aus China kommt nur mit Zertifikat infrage.“ Allein die Selbsterklärung des Herstellers, dass in seinen Produkten keine ausbeuterische Kinderarbeit stecke, reiche ihm, Hartmann, „im Gegensatz zu OB Lehmann“ nicht aus. Nach Darstellung der Siegelorganisation „Fair Stone“ geben sich die meisten Städte und Gemeinden bei umstrittenen Produkten mit Selbsterklärungen der Hersteller zufrieden. „Die sind das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben stehen“, kritisiert Fair Stone-Sprecherin Karoline Hermann in der Zeitschrift Politik-Forum. Bei Natursteinen seien die deutschen Importeure gar nicht in der Lage, das zu kontrollieren. „Die Lieferkette von einem Steinbruch in China oder Vietnam bis zum Händler in Deutschland wird in der hart umkämpften Branche geheim gehalten“, so Herrmann. Übrigens: Ende vergangenen Jahres beschloss Münchens Stadtrat, nur noch solche Anbieter zuzulassen, deren Produkte mit einem der gängigen Natursteinsiegel wie Xertifix oder Fair Stone versehen sind. Das fordert Hartmann auch für Landsberg: „Kann die Kinderarbeit nicht ausgeschlossen werden, will ich das Pflaster nicht auf dem Hauptplatz haben.“ Der Stadtrat soll heute Abend zudem den Auftrag für die Umleitungsbeschilderung vergeben. Sie kostet nicht wie zu­nächst angenommen 80000, sondern rund 150000 Euro, so OB Lehmann.

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