Pflastermusik und Klassik auf Kieseln

Passende Kulisse zum herbstlich gestimmten Kiesel-Konzert mit Karl Michael Ranftl (Foto): ein Ernte-Stilleben der Künstlerin Gabriele Lockstädt. Foto: kb

„Stein an Stein an Stein / altes Erdengebein / Hand geordneter / Schicht gewordener / Lech geliehener Fund / Holpriger Grund / Handel ergebendes / Wandel erlebendes / Schicksal tragendes / schweigend und sagendes / Landsberger Pflaster / zu Lust Last und Laster ….“. Mit diesen rhythmischen Versen aus der eigenen Feder und dem Hufklappern nachempfundenen Steinklängen hat der Kieselklang-Finder Karl Michael Ranftl im rappelvollen Rossstall des einst größten Bauernhofes der Altstadt sein herbstlich gestimmtes Kieselkonzert eröffnet.

Beim „Doktorbauern“, dem traditionsreichen Altstadthaus direkt am Bayertor hat der Caritasverband Landsberg ein offenes gemeindepsychiatrisches Begegnungszentrum eingerichtet. Es ist während der vergangenen Jahre nicht nur zu einem Ort sozialer Begegnung, sondern zu einer gastlichen Adresse und einer Oase für kulturelle Aktivitäten geworden. Der Jahreszeit und dem Veranstaltungsort entsprechend gab es zunächst Anklänge und Anspielungen auf das bäuerliche Brauchtum um Michaeli, den früher oft ausgelassenen Tagen und Nächten der Herbsttag- und Nachtgleiche zwischen Erntedank und Kirchweih. Vor einem Acrylbild der Münchener Malerin Gabriele Goldstädt mit reifen, prallen Früchten „rapte“ Ranftl mit Sichel und Wetzstein einen durchaus zweideutigen schnellen „Boarischen“, um dann unter Beteiligung der obertonreichen Maultrommel einen drei­- stimmigen Jodler zu intonieren, der eindringlich und eindrucksvoll das Ende des Sommers und des Viehaustriebs beschwor. Nicht ohne vorher den Bayern Papst Benedikt zu zitieren, der den Jodler einmal als „alpenländischen Jubilus“ bezeichnete, „einen mit Worten nicht zu vermittelnden Ausdruck von Lebensfreude“ . Dass der historische Landsberger Straßenbelag, wie er am Hauptplatz und rund um das Bayertor als „Katzenkopfpflaster“ noch erhalten ist, nicht nur unter gestalterischen, geologischen und ökologischen Gesichtspunkten außergewöhnliches zu bieten hat, sondern auch klangästhetisch, ja musikalisch faszinieren kann, demonstrierte und zelebrierte der Sozialpädagoge und Musiktherapeut dann überwiegend mit Flusskieseln. Diesen entlockte er Klänge, wie sie sonst nirgendwo zu vernehmen sind. Denn die bis auf die ältere Steinzeit zurückreichende Kunst mit Kieselsteinen Musik zu machen sei in Vergessenheit geraten, bis sie in unseren Tagen intuitiv an Isar und Lech wieder entdeckt werden konnte. Diese experimentalarchäologische These stellte Ranftl so lapidar in den Raum wie die Töne, die er aus der hohlen Hand mit Hilfe von speziellen unbearbeiteten Flachkieseln hervor bringt, wie sie die eiszeitlichen Gletscher vor über 10000 Jahren ins Alpenvorland abgelagert haben. Weil mit Steinen nicht nur perkussiv, sondern auch melorhythmisch gespielt werden kann, nennt der Landsberger (Wieder)-Geburtshelfer der Kieselklänge seine Fundsteine „Kieselkastagnetten“ und „Urmelodika“. In sein künstlerisch installiertes Kiesel-Keyboard ist ein „Matronom“ integriert, zu dessen Takt er weibliche Steinzeit-Figurinen tanzen lässt. Und eine leuchtende Kieselkristall-Klangschale, deren sphärische Schwingung einen magisch anmuten­- den Kontrast zu den Stakkatoklängen der Lechsteine bildet, wurde als Begleitinstrument zum Gesang dreier Strophen des altitalienischen „Cantico delle Creature“ von Franz von Assisi eingesetzt. Der Heilige aus dem 13. Jahrhundert verewigte im Sonnengesang seinen Erntedank, indem er vor dem Allmächtigen die Mutter Erde als Schwester preist, die uns reichlich beschenkt mit Früchten, Blumen und Kräutern. Was wie ein bäuerlicher „Hoagascht“ begann, entwickelte sich im Laufe der kurzweiligen 45 Minuten zu einer musikalisch-meditativen und lyrischen Soiree: Nach einem Appell an den musikalischen Humor seiner Zuhörer spielte Ranftl schließlich auf einem heimischen Kalkstein Mozarts Allegro aus der Kleinen Nachtmusik. Spätestens dann blieb so mancher Mund vor Staunen offen. Dass das schön gestaltete Haus vor und nach der ungewöhnlichen Darbietung auch in Küche, Keller und Werkstatt Kreatives anzubieten hatte, machte den Besuch zu einem sinnlichen Erlebnis.

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