Wider das Vergessen

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Moderator der Podiumsdiskussion Alex Dorow (links) im Gespräch mit dem Regisseur Emanuel Rund.

Landsberg – „Gedenkkultur ist aktive Friedenskultur.“ Mit diesen Worten eröffnete Kulturreferent der Bürgervereinigung Landsberg im 20. Jhdt. Dr. phil. Michael M. Stanic seinen Vortrag bei der Podiumsdiskussion, wie Gedenken in Zukunft gestaltet werden kann. Über das „Wie“ diskutierten Leiter des Stadttheaters Florian Werner, der amerikanische Regisseur Emanuel Rund, Bürgerrechtler Raffael Sonnenschein und Sprecher und Vorstand der Bürgervereinigung Stephan Albrecht. Im Grundtenor war man sich einig: Gedenken kann heutzutage nur noch mit Mitteln der Kunst geschehen.

er Gedenkarbeit ändern, muss sich auch die Methode des Gedenkens ändern“, zitierte Stanic den Theologen Dilthey. Neue Forschungen hätten das Objekt des Gedenkens geändert und direkte Zeugen jener Zeit seien kaum noch vorhanden. Nun könne die Kunst sprechen, mit ihrer ganz eigenen Sprache. Stanic hat für Landsberg und Kaufering eine ganz konkrete Vorstellung: „Erst reicht eine kleine Lösung, ein Interimsmuseum“, doch letztendlich sieht er „eine Art Labor“, das sowohl Museum als auch Veranstaltungsraum sein kann. „Neue und junge Künstler aus aller Welt könnten eingeladen werden, die eine Zeitlang hier leben“, überlegt Stanic. Zudem solle die Stadt nach Möglichkeit eine Personalstelle für diesen Bereich schaffen.

Die sich an Stanics Vortrag anschließende Diskussion unter der Moderation von Alex Dorow (MdL) ging von der Frage aus, wie erzwungenes Gedenken freiwillig werden könne. Jugendliche fühlten sich oftmals von dem Thema Nationalsozialismus überschwemmt: „Ich höre oft den Satz ‚Wir können es nicht mehr hören‘“, erzählte Albrecht. Für ihn sei ein Konzert mit jiddischem Blues bezeichnend gewesen. Zuerst seien die Besucher nur dagesessen, aber nach mehrmaliger Aufforderung habe der ganze Saal getanzt. „Oft trauen sich die Menschen nicht, die ‚fromme Gedenkarbeit‘ zu verlassen.“ Betroffenheit sei wichtig, aber sie verhindere ein leichtes Umgehen mit den heute lebenden Juden. Albrecht schlägt den umgekehrten Weg vor: Bei einem Klezmerkonzert könne man Menschen kennenlernen und direkt ansprechen. „Die Geschichten im persönlichen Bezug, das macht betroffen.“ Diesen Weg sieht auch Sonnenschein. Wichtig sei es, „die jüdische Kultur zu beleben.“

Stadtrat Jost Handtrack hatte zuvor geäußert, ein Klezmerkonzert allein habe nichts mit Gedenkarbeit zu tun. Wichtiger sei der Besuch des Konzentrationslagers Dachau: „Man braucht beides, um die Kultur vorzustellen.“ Doch darin sah ein anwesender Lehrer ein Problem: Das Gedenken werde in der Schule aufdoktriniert, so könne es nicht funktionieren. Auch Wolfgang Wagner, Kassier der Bürgervereinigung, fragte: „Wie können wir jüdische Kultur schmackhaft machen? Was will die Jugend, die heute Abend leider fehlt?“

Florian Werner betonte, dass viele Jugendliche an den individuellen Schicksalen sehr interessiert seien: „So kann man den Fakten ein Gesicht geben.“ Die Erzählerrolle der Überlebenden könne ein Film übernehmen, so wie der Runds. Emotionen und auch lokale Bezüge weckten das wirkliche Interesse der Jugendlichen an einer „Kultur des Nichtvergessens“. Auch im Theater sieht Werner Möglichkeiten. Bei dem gerade aktuellen Rechtsruck der Gesellschaft sei es auf jeden Fall unumgänglich zu zeigen, „wie aus Menschen, die gerade noch belächelt werden, akute Gefahren werden können.“

Regisseur Rund berichtete von seinen Workshops, in denen Jugendliche die jüdische Kultur kennenlernen können. „Und es gibt hier in Deutschland so viele Schüler, die sehr interessante Fragen stellen.“ Man solle bei der Gedenkarbeit einfach ins kalte Wasser springen: „Sie werden merken, dass es kein leeres Becken ist.“

Erwähnt sei an dieser Stelle ein solcher Kaltwassersprung des Theater Lindenhof zu einem geschichtlichen Ausnahmeereignis: In Mössingen wagten die Arbeiter 1933, dem Aufruf der kommunistischen Partei zu folgen: Sie streikten. Das Theater brachte ein Stück über dieses Ereignis vergangenes Jahr auf die Bühne – mit 150 Laienschauspielern direkt aus der schwäbischen Kleinstadt. Das umstrittene Projekt war ein voller Erfolg und hat bestimmt dazu beigetragen, Gedenken lebendig werden zu lassen.

Susanne Greiner

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