"Einfach den Reger machen"

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Moderator Matthias Keller vom BR (Mitte) sprach mit dem Komponisten Enjott Schneider, dem Leiter des Münchener Bach-Chors Hansjörg Albrecht, dem Organisten Bernhard Buttmann sowie dem Schirmherr der Max-Reger-Tage Dr. Thomas Goppel (von links).

Landsberg – Vor dem Rathauseingang spielte noch die zünftige Musikkapelle, als im historischen Festsaal bereits die ersten Besucher zur Eröffnungsveranstaltung der Max-Reger-Tage 2016 strömten. Der Komponist ist für seine großen Orgelkomponisten bekannt. Dass Reger ein weitaus breiteres Repertoire hat, wissen nicht viele. „Wir wollen dem vor 100 Jahren gestorbenen Reger wieder den Platz verschaffen, der ihm zusteht“, sagte Schirmherr Dr. Thomas Goppel. Die Auftaktveranstaltung am Sonntagabend mit Podiumsgespräch zu und Musik von Max Reger zeigte, dass vonseiten des Publikums solche Veranstaltungen öfters stattfinden könnten: Der historische Festsaal war nahezu voll besetzt.

Der künstlerische Leiter des Landsberger Orgelsommers Johannes Skudlik hatte zusammen mit Organist und Redakteur beim BR Matthias Keller die Veranstaltung geplant: „Wir saßen zusammen und dann ergab ein Wort das andere“, erzählt Keller. Zudem habe Skudlik die Idee gehabt, dass der Reger-Experte und Organist Bernhard Buttmann das Gesamtwerk Regers einspielen könnte. Gesagt getan: Vier Jahre benötigte Buttmann, jetzt gibt es Reger in satten 18 Stunden auf CD.

Für das Podiumsgespräch konnten Skudlik und Keller neben Goppel und Buttmann noch den Komponisten Enjott Schneider sowie den Leiter des Münchener Bach-Chors Hansjörg Albrecht gewinnen. Buttmann, neben Organist auch Pianist, lockerte die „Theoriestunden“ mit Musikbeiträgen von Reger am Flügel auf. Zwar war das Gespräch der Reger-Experten auf dem Podium nicht allzu fordernd, dennoch hätte das Publikum gerne mehr Musik gehört. Denn die Sonatine in g-moll, die Buttmann vorstellte, zeigte einen unbekannten Reger: nicht den von Buttmann als „großen Wüterich der Orgel, der seinen Hörern Dissonanzen um die Ohren knallt“ beschriebenen, sondern einen nahezu sanften und einfachen Komponisten. Und tatsächlich: Reger selbst nannte seine Sonatinen „urputzige Dinger“.

Warum von Regers Gesamtwerk nur einige wenige Standards im Repertoire der Organisten auftauchten, wollte Moderator Keller wissen. Buttmann nennt Reger einen „aus der Zeit gefallenen Engel“, der sich der damaligen Kompositionsmode verweigert habe. Enjott Schneider wies auf die „Coca-Cola-Wut der Deutschen“ hin, die ausländische Künstler gegenüber eigenen immer bevorzuge. Zudem sei Reger trotz seinem Humor ein „bissiger Mensch mit hohen Ansprüchen“ gewesen.

Albrecht fügte hinzu, dass Orgelmusik immer noch in der Kirche verankert sei, nicht in Konzertsälen, obwohl sie ein Konzertinstrument ersten Ranges abgäbe – was man gerade an Reger sehen könne. Reger sei auch ein schwieriger Komponist: „Man hat bei ihm keine Bilder im Kopf.“ Dass Reger selbst viel zu seiner sperrigen Wahrnehmung von außen beigetragen hat, belegte Keller mit Zitaten. So habe Reger eine Komposition an seinen Komponistenkollegen Josef Rheinberger mit den Worten geschickt: „Bitte um gütige Durchsicht dieses meines Verbrechens gegen die Harmonie und den Kontrapunkt“ – zwei „Gesetze“, die Reger natürlich absichtlich und gekonnt brach.

Diese Bitte hielt Reger nicht davon ab, Rheinbergers Musik in einem anderen Brief an ihn als „unerträglich für menschliche Ohren“ zu bezeichnen. Buttmann betonte, dass Reger seine Freunde und Kollegen mit Briefen nur so überflutete: „Nicht auszudenken, wenn Reger das Internet gekannt hätte. Facebook und Reger, das wäre eine Horrorvorstellung!“ Enjott Schneider hat nicht umsonst ein Werk in Memoriam Regers komponiert, das er „Psychogramm“ nennt: „Der Mann war obsessiv, einsam und immer auf der Flucht vor sich selbst, ein Fall für den Psychiater. Seine Kunst bestand darin, dass er einzelne Elemente zu etwas Neuem verknüpfen konnte: zu einer gewaltigen Harmonik ohne Grenzen.“

Dennoch habe Reger das Einfache geliebt, was man in der von Buttmann vorgetragenen Sonatine erkenne. Nach Konzerten sei der Komponist nicht mit Champagner zu seinen Gästen gegangen, sondern habe die Gesellschaft und das Bier der Kutscher bevorzugt. „Reger ist ein missbrauchter Virtuose“, ergänzte Albrecht. Man spiele die Orgelwerke Regers oft, um das eigene Können zu demonstrieren, „ich vermisse dabei jedoch die Sinnlichkeit und das Feuer“.

Damit an diesem Abend Sinnlichkeit und Feuer nicht zu kurz kamen, spielte Buttmann zum Abschluss ein melancholisches Stück aus Regers Stücksammlung „Träume am Kamin“, bevor man, wie Keller formulierte, „im Foyer den Reger machte“, meint: bei angenehmen Gesprächen ein gemütliches Glas Sekt – oder eben auch Bier – genoss.

Susanne Greiner

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