Wenn Dichter baden gehen

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Zwei müssen noch springen und lang standen Christoph Weiblen (blaue Badehose) und Daniel Altmann (schwarze Badehose) nicht mehr auf dem Turm: Schon die erste Runde konnte Fee für sich entscheiden. „Vollstrecker“ war Moderator Lucas Fassnacht.

Landsberg – Fünf Meter über der Erde standen die Slammer beim Splishy-Splashy Poetry-Slam im Inselbad. Zu ihren Füßen auf Wiesen und Beton 600 begeisterte Zuhörer. „Mehr Karten durften wir leider nicht verkaufen“, bedauert Christina Pichler von LandsAid, die den „nassen Slam“ auf die Beine gestellt hat. Acht Poeten stritten miteinander. Wer nicht gefiel, wurde mit einem leichten Schubs vom Turm ins Becken gestoßen. „Das ist ganz schön hoch hier“ war der Satz, den man nicht nur einmal hörte.

Zu gewinnen gab es einen Hai. Aus Plastik. Aber darum ging es gar nicht: Die Einnahmen aus dem Dichterwettstreit gehen direkt an die Kauferinger Hilfsorganisation LandsAid, die in Not geratene Menschen vor allem medizinisch unterstützt. Das Konzept Poetry-Slam an einem ungewöhnlichen Ort hat bestens funktioniert. Rosa angestrahlt wurde der Sprungturm über dem blauen Becken zur eindrucksvollen Kulisse für Berühmtheiten aus der Szene: der bayerische Vizemeister Bybercap mit über 1,5 Millionen Klicks im Netz und auch die deutsche U-20 Meisterin gingen ins Rennen um den Hai. Allein aus den Eintrittsgeldern kamen 5.025 Euro zusammen. „Dazu kommen noch die Pfand-Spenden“, freut sich Pichler.

Zwei Runden à vier Poeten entschieden über die Finalisten. „Wer länger als sieben Minuten spricht, wird von der Bühne geholt – was hier sehr einfach geht“, betonte Moderator Lucas Fassnacht aus Erlangen: ein leichter Schubs, und schon macht der Dichter Bekanntschaft mit dem kühlen Nass. Dass so ein Sprung auch ganz graziös sein kann, zeigten die Turmspringer aus Ausgburg mit Schraube, Salto und Auerbach. Wobei die Poeten doch lieber den einfachen Fußsprung wählten.

Die erste Runde eröffnete der bayerische Vizemeister Christian Weiblein mit einem Gedicht über Mäuse, Katzen und Käse. „Die Grausamkeit des Meeres“ brachte Daniel Altmann, Landesmeister aus Mecklenburg-Vorpommern, mit beklemmenden Bildern auf die Sprungturmbühne und Wilma Klusche ließ sich über die Steinzeit und heutige Monogamie aus. Fee, deutsche U20-Meisterin aus München, begeisterte ihr Publikum mit perfekt inszenierten Modelposen und zynischen Worten aus „Heidis Horror Picture Show“: Teilnehmerinnen, die nicht gar so schlau sind, und „nie ihr wahres Gesicht zeigen, denn ungeschminkt ist einfach nicht schön“. Die die „Flinte in den Sand stecken“, den frühen Wurm zuerst malen und „mit Flügeln nach den Enten werfen“ – angeblich ein Originalzitat. Souverän blieb Fee auf dem Sprungturm, während Fassnacht die anderen drei in die Tiefe stieß.

Die zweite Runde begeisterte: Die Landsbergerin Bekka Leitenmeier (auch sie hat einen Titel: „Gewinnerin im anonymen Nacktbadewettbewerb“) dichtete über die unsinnige Suche nach sich selbst: „Du bist schon hier, jetzt.“ Einem ihr wichtigen Menschen widmete Eva Niedermaier aus Bad Aibling ihren Beitrag: Ratschläge fürs Leben mit dem örtlich passenden Tipp: „Lerne zu schwimmen, denn das Wasser bleibt nicht seicht.“ Phillip Potthast aus München ließ ein Naziliebespärchen aufmarschieren, das sich als Fake entpuppte, „denn jede rechte Gesinnung ist nur ein Schrei nach Liebe“. Der Gewinner der zweiten Runde war der Erlanger Bybercap: Sein Alter Ego, Lehrer Herr Schmied, und dessen urkomische Schülergespräche in unterschiedlichen Tonlagen und Dialekten lockten Lachsalven und Begeisterungsrufe aus dem Publikum.

Auf Intelligenz reduziert

In der Finalrunde setzte Fee gegen Bybercaps Herrn Schmied auf witzige Emanzipation. Mit „Wenn Schlau das neue Schön wäre“ nahm sie das Thema Äußerlichkeiten auf: Dann wäre „Kant ein Hobby, Äußerlichkeiten was fürs Kennenlernen und Frauen genervt davon, immer auf ihre Intelligenz reduziert zu werden.“ Verdient konnte sie zusehen, wie Bybercap ins Wasser platschte.

Pichler ist von der Zusammenarbeit mit den Stadtwerken begeistert: „Als ich den Poetry-Slam im Inselbad vorgeschlagen habe, waren sie sofort voll dabei.“ Alle hätten grandiose Arbeit geleistet, „die waren top!“ Die Arbeit mit Marketingleiter der Stadtwerke Wolfgang Mohr sei eigentlich keine Arbeit gewesen. Vor allem die Angestellten des Bades lobte Pichler. Alles sei so gut gelaufen, dass sie immer vergeblich auf ein Problem gewartet habe: „Das war die schönste Eventvorbereitung, die ich jemals hatte.“ Als Sponsor half die Sparkasse Landsberg-Dießen.

Nach dem Dichterstreit warfen sich noch zahlreiche Zuhörer ins Schwimmoutfit, um für den guten Zweck nachts baden zu gehen. Jonehans & Maybellene sorgte für sommerleichte Musik und nachsportive Verpflegung gab’s bei der Landsberger Panini-Connection. Ein rundum gelungenes Konzept – das Publikum hat bereits für eine Wiederholung im nächsten Jahr votiert.

Susanne Greiner

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