Ein Poetry Slam, zwei Sieger – Julius Fischer (Leipzig) und Alexander Burkhard (München) teilen sich den Sekt

Nur wenige Zuhörer strecken an diesem Samstagabend im Foyer des Landsberger Stadttheaters brav die Hände bei der Frage empor, wer denn noch keinen Poetry Slam erlebt hat. All die anderen sind bereits treue Besucher dieses witzigen, originellen und aufregenden kulturellen Ereignisses, dessen Vorläufer schon in der klassischen griechischen und römischen Antike einen Eintrag in die Annalen wert war.

Kurz darauf erklären die beiden erfahrenen Poetry Slam-Moderatoren Rayl Patzak und Ko Bylanzky die Regeln: Nicht länger als fünf Minuten, kein Gesang als Hauptbestandteil, keine Kostüme, nur das Wort des Dichters zählt. Damit nichts schief läuft an diesem Abend fordern sie das Publikum zu einer Klatschprobe auf. Nicht so zögerlich, das soll ein Applaus sein, das muss schon stärker werden, heizt Bylanzky den jungen Damen und Herren an den Tischen ein. Wer den stärksten Applaus bekommt, hat gewonnen. Der Preis ist da nebensächlich: eine Flasche Sekt. Neun Kandidaten sind es bei diesem ersten Slam im Jahr 2009. Einer wird die Trophäe gewinnen. Mut müssen die Poeten schon haben, bevor ihnen ohrenbetäubendes Getrampel, Gegröle, Gepfeife und Geklatsche als Dank für ihren Auftritt entgegenschallt. Courage, einer gierigen Zuhörerschaft die eigenen Befindlichkeiten, seine Weltsicht oder Erlebnisse mitzuteilen. Mancher ist daher sichtlich nervös und hält mit zitternden Händen das Typoskript. Das macht alles nichts, es zeigt höchste Authentizität und lässt den Vortragenden menschlich erscheinen. Keiner wird ausgelacht. Man freut sich über gelungene Wortschöpfungen und auch das schlechtere Werk wird beklatscht. Georg Eggers alias Görg aus München ist schon etwas älter als die restlichen Poeten, vielleicht geht er schon stramm auf die 40 zu, er trägt seinen Text über händchenhaltende Liebespaare in der vorweihnachtlichen Münchner Fußgängerzone auswendig und sehr expressiv vor. Als Rache wird er im nächsten Jahr ein Feuer legen, phantasiert er. Selbst Petrus hält da an der Himmelspforte die Hände der Engel. Julius Fischer, der Sieger des Landsberger Slams vom April 2006, und Andrè Herrmann, zwei Leipziger Twens, lesen vom Blatt. Schnell, stakkatoartig. Man will ja viel unterbringen in den wenigen Minuten. Fischer erzählt von seinem neuen Fahrrad und Herrmann über die „Wurst decision of his whole life“. Ein Wortspiel, „Stulle oder Schrippe?“ Am Ende ist ihm alles egal, er möchte nur Gegrilltes. Fünf Minuten sind verdammt kurz, das weiß auch der Nürnberger Peter Parkster. Geschwind erzählt der in seiner fränkischen Heimat gefeierte Poet die Geschichte der frisch verlassenen Simone Hansen, an deren Tür er versehentlich läutet, um sie nach einem guten Rinderfilet, einigen Flaschen Rotweins und erschöpfendem, gymnastischem Sex am nächsten Morgen zu verlassen. Nicht ohne ihr den Anmeldeschein der GEZ im Wohnzimmer liegen zu lassen. Die Texte sind teilweise richtig komisch – wie der Nachruf des Berliners Felix Römer auf seinen Freund. Dieser will einfach nicht kapieren, dass die Liebe zu seiner Partnerin am Ende ist und klammert sich in völliger Trägheit an sie. Teilweise tragen die Texte einfach den Charakter einer Probe, wie der von Lukas Nickel. Dieser schüchterne Poet changiert zwischen Pessimismus und Optimismus. „Das alles betrübt mich“ sagt er, wenn er über die Folgen seines alltäglichen Handelns nachdenkt. Alex Burkhard, der ins Finale geklatschte Münchner, imaginiert, wie sich das Leben eines Menschen retrospektiv änderte, wenn eine Biographie über ihn geschrieben würde. Sein Verhalten, seine Gewohn- heiten, seine Sätze würden plötzlich eine ganz andere Bedeutung bekommen. Ein interessanter Ansatz. Luc Spader, ebenfalls aus München, denkt über seine Generation nach, die „selbstverwirklichlungsdebil“ ist, „säuft und taubstumm ist“ und sich schon „erbricht bei schlechten Bahnzugverbindungen“. Den wohl dichtesten und dabei rätselhaftesten Text hatte der Bamberger Nils Rusche verfasst. „Geschlossene Türen sind die größte Freiheit für mich... Offene Türen sind für mich das Ende“. Wer gewonnen hat? Die beiden Finalisten Julius Fischer und Alex Burkhard mussten sich die Flasche Sekt teilen. Der Applaus war für beide gleich stark. Sie hatten es verdient. Fischer für seine Wiedergabe der eigenen Bewusstseinsströme über die Folgen von Sex mit seiner Freundin und Burkhard über seine Erlebnisse mit der Personifikation eines „Scheisstages“, die ihn schon beim Frühstück freundlich begrüßt.

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