"Politik im besten Sinne!"

Dass die Deckenfresken in der Leonhardi-Kapelle marode sind, ist schon seit fünf Jahren bekannt. Foto: Kruse

Blumenladen oder Kulturbüro? Über die künftige Nutzung der ehemaligen Leonhardi-Kapelle am Klostereck entzündete sich in den vergangen Tagen eine ungeahnt große Diskussion, die auch Oberbürgermeister Mathias Neuner (CSU) überraschte: „Wir haben wohl unterschätzt, wie viele Lands­- berger emotional an dem Laden hängen.“ Er stellt aber klar: „Die Entscheidung und das Vorgehen waren richtig. Wir haben uns im Vorfeld der Umstrukturierung der Verwaltung viele Gedanken gemacht und Argumente abge­- wogen. Unterm Strich spricht sicher einiges für den Laden, aber mehr für ein neues Kulturamt an dieser Stelle.“

Bei dieser Einschätzung, so Neuner, bleibe er auch nach den vielen öffentlichen Debatten, die er ausdrücklich begrüßte. „Das ist Politik im besten Sinne. Ich kann auch mit der Reaktion bei Facebook gut leben, bin sogar froh darüber, dass ich schnell umfassend Rückmeldung von den Bürgern bekomme. Genauso hatte ich mir das vorgestellt.“ In dem sozialen Netzwerk waren bereits bis zum Wochenende rund 1000 Kommentare zur Kündigung des Mietverhältnisses eingegangen, am Wochenende traten über 600 Mitglieder einer neuen Gruppe für den Erhalt des Blumenladens ein. Obwohl die Meinungsäußerungen der Bürger fast einhellig „pro Laden“ ausfielen, war bei Redaktionsschluss nicht klar, wo die Reise nun hingehen soll. Neuner hat das Thema auf die Tagesordnung des Finanz- und Verwaltungsausschusses genommen, wo heute noch einmal darüber beraten wird – ergebnisoffen. Der OB wollte sich aber noch nicht festlegen, ob über die Frage im Ausschuss überhaupt abgestimmt werden soll. „Wir überlegen noch, wie wir das machen sollen.“ Verpflichtend ist das nicht, betont Neuner, wie überhaupt die gesamte Angelegenheit nicht zwingend im Ausschuss oder im Stadtrat behandelt werden müsste. Die Entscheidung über die Nutzung des Raumes liegt letztlich bei der Verwaltung und deren Chef – mithin beim Oberbürgermeister. „Da mir aber klar war, dass das ein sensibler Punkt ist, habe ich den auch in die politische Diskussion genommen.“ Gekündigt wurde von der Stadt Landsberg dennoch. Im Ältesten- und im Stadtrat allerdings, soviel wurde am Wochenende öffentlich, war die Kündigung „zur Kenntnis“ gebracht worden, eine Abstimmung fand nicht statt. Wie der Begriff „es gibt dazu einen einstimmigen Beschluss“ in die Welt geriet, weiß im Nachhinein offenbar niemand mehr so recht. Zumal mindestens einem Stadtratsmitglied (das auch von einer „Rücknahme“ der Kündigung sprach, was nicht stimmt) nach eigenem Bekunden erst jetzt klar wurde, dass es überhaupt einen Unterschied zwischen einer Abstimmung und einer Kenntnisnahme gibt. Nachdem zuvor lediglich einzelne Ratsmitglieder „ihren Unmut geäußert“ hatten, wie es aus den Gremien heißt, galt es nun in den Fraktionen, eine Richtlinie für die Diskussion am Mittwoch festzulegen. In der SPD sei man einhellig dafür, die Kündigung zurückzunehmen und den Blumenladen zu erhalten, so deren Fraktionschef Dieter Völkel. „Gerade solche Läden machen den Charme unserer Innenstadt aus.“ Einige Mitglieder der Grünen signalisierten eine ähnliche Meinung, andere positionierten sich öffentlich eindeutig: Das Thema sei „völlig falsch angepackt“ worden, so UBV-Chef Christoph Jell. Im Finanzausschuss werde man für den Erhalt des Blumenladens einsetzen und den Vorschlag der Verwaltung (der die Aufrechterhaltung der Kündigung vorsieht) ablehnen. Jells Kollegin Martha Borgmann hatte bereits bei der zweimaligen „Kenntnisnahme“ darauf hingewiesen, dass die Kündigung „eine erhebliche Härte“ für die Ladenbesitzerin bedeute und dass der schlechte Zustand der Fresken erst jetzt ins Spiel gebracht werde, da die Verwaltung eigene Interessen geltend machen wolle (siehe Bericht unten). Reinhard Skobrinsky (BAL) plädiert dafür, das Kulturbüro mit im Büro des Stadttheaters unterzubringen. dieses sei ebenfalls nur in Teilzeit genützt. Ein Argument, von dem OB Neuner nicht viel hält: „Frau Frey-Wegele als Chefin kann nicht ein paar Mal am Tag vom Kloster in die Schlossergasse und zurück springen, das ist nicht machbar.“ Neuner sucht nicht mehr Neuners Schlussfolgerung: Sollte das neue Büro nicht durchsetzbar sein, werde die Umstrukturierung der Verwaltung organisatorisch zwar wie geplant stattfinden. „Ein Kulturamt als öffentliche Anlaufstelle, auch für die Kulturschaffenden, wird es dann aber nicht geben.“ An anderer Stelle will er nach einer Räumlichkeit inzwischen nicht mehr suchen. „Im Klostereck könnten wir das zentralisieren, woanders wird’s das nicht geben. Wir brauchen keinen Besprechungsraum irgendwo, den haben wir in der Verwaltung.“ Vielleicht kommt aber alles noch ganz anders und Neuner findet bis zum Mittwoch noch einen neuen Standort, mit dem sich auch Ladeninhaberin Anita Kaiser-Schmid anfreunden könnte. „Vielleicht haben wir ja noch eine Überraschung in dieser Sache.“ Es wäre nicht die erste. Anita Kaiser-Schmid hielt sich in der erregten Debatte zuletzt auffällig zurück. „Wir haben unsere Argumente beim Oberbürgermeister vorgebracht“, sagt sie, „da ist alles gesagt.“ Ihr läge zudem nichts daran, die Situation eskalieren zu lassen. „Sollten wir im Klostereck bleiben können, möchte ich mit der Stadt als Vermieter weiterhin ein vernünftiges Verhältnis haben.“ Plötzlich ganz schlecht Landsberg – Von irgendwoher tauchten in der Blumenladen-Diskussion plötzlich die wertvollen Deckenfresken in der Leonhardi-Kapelle auf – sie seien in schlechtem Zustand und müssten dringend saniert werden, hieß es bei der Stadt. In Gesprächen mit der Ladeninhaberin wies man darauf hin, dass „die Feuchtigkeit in dem Raum, die durch das Wasser in den Blumenkübeln entsteht“, weiter abträglich für die Kunstwerke seien. Auch Stadt- und Ältestenrat teilte man das so mit. In der Kündigung selbst findet sich allerdings kein Verweis auf die Fresken, hier wird nur Eigenbedarf angemeldet. Die Fresken waren letztmals vor fünf Jahren untersucht und (wegen des schlechten Zustandes) auch provisorisch mit Dübeln gesichert worden. Aller­- dings hatte die Stadt danach bereits untersucht, wie man Abhilfe schaffen könnte. Dabei stellte man fest, dass es von „nichts tun und abwarten“, über eine Lüftung oder eine vorläufige Versiegelung unter Gipskartonplatten bis zu einer Sanierung (dann müsste der Blumenladen weichen) eine breite Palette an Möglichkeiten gibt. Letztendlich sei die Entscheidung eine Abwägung zwischen den verschiedenen Inter­- essen und Wertigkeiten, so das Ergebnis der Verwaltung. Das ist nach Informationen des KREISBOTEN weiterhin Stand der Dinge: Die Fresken sind massiv angegriffen, eine akute Verschlechterung, die ein Handeln genau zum jetzigen Zeitpunkt erforderlich machen würde, gibt es aber offenbar nicht. Sie bleibt "vernagelt" Landsberg – Eine (momentan) nicht genützte Verbindungstüre (Foto) zum ehe­- maligen Ursulinenkloster kam durch die Diskussionen um den Blumenladen jetzt zu ungeahnter Berühmtheit. Ladeninhaberin Anita Kaiser-Schmid hatte angefragt, ob ihre Angestellten auf diesem Wege die Toiletten im Kloster benützen dürften, wie dies in früheren Jahrzehnten der Fall gewesen sei (der KREISBOTE berichtete). VHS-Chefin Silvia Frey-Wegele hatte abgelehnt und nach Auskunft von Kaiser-Schmid kurz darauf die Türe „vernageln“ lassen. Das wollte OB Mathias Neuner genau wissen, nahm die Sache vor Ort in Augenschein und sendete auch gleich ein Bild. Sein Fazit: „Kein Mensch hat von unserer Seite etwas zugenagelt. Auf der Seite des Ladens steht auch ein Regal und viele Töpfe davor, so dass sie gar nicht genutzt werden kann. Der Schlüssel steckt auch auf der Ladenseite.“ Exakt diesen Schlüssel drehte jetzt Kaiser-Schmid erneut um. Ergebnis: Die Türe lässt sich weiterhin nicht öffnen, „und ich bin nicht zu dumm, eine Türe aufzusperren.“ Letzter Stand der Dinge: Der Sachverhalt lässt sich wohl nicht klären, ist nach übereinstimmender Meinung der Beteiligten aber auch nicht von entscheidender Bedeutung für die Gesamtdiskussion…

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