125-Jähriges am Kloster St. Ottilien:

Zwischen Tradition und Offenheit

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Die Einrichtung des Tagesheims war einer der vielen wichtigen Meilensteine, die sich in der wechselvollen Geschichte des Rhabanus-Maurus-Gymansiums und seiner Vorgänger in St. Ottilien ergeben haben.

St. Ottilien – Vor 125 Jahren hatte die Benediktiner-Abtei, die sich im damaligen Emmigen niederließ, eine kleine Schar Zöglinge im Schlepptau, die ein Pater auf ihre Laufbahn als Priester vorbereitete. Heute blickt das Rhabanus-Maurus-Gymnasium St. Ottilien auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die Mitglieder der Klasse Q11 im Rahmen der Jubiläumsfeier aufgearbeitet haben. Zentral war häufig das Spannungsfeld zwischen Tradition und Öffnung. So entstand im Laufe der Zeit ein eigener kleinen Kosmos, der von vielen Schülern geschätzt wird.

Lara Gum erinnert sich noch an ihr erstes „Grüß-Gott“ während ihres Vorstellungsgesprächs an ihrer neuen Schule: „Jeder Schüler dieser ‚Hogwarts‘-ähnlichen, benediktinisch-religiös geprägten Schule grüßte höflich.“ Und der Charme der Gemäuer sei durchaus mit der Zauberschule, auf der Romanheld Harry Potter seine Abenteuer erlebt, zu vergleichen: „Gibt es auch keine fliegenden Besen, so hat die Schule trotzdem etwas Magisches an sich, wenn die Sonne hinter dem Turm der Kirche untergeht oder wenn ein Naturwissenschaftslehrer grüne oder lila Flammen in den Himmel jagt.“ Gum und einig Mitschüler aus der Q11 nahmen das Fest des Heiligen Benedikt am Montag vergangener Woche, an dem das Gymnasium in der Erzabtei St. Ottilien das 125-jähriges Bestehen feierte, zum Anlass, die Chroniken der Einrichtung zu durchforsten und deren Geschichte aufzuarbeiten.

Im Jahr 1887 wurde mit dem Umzug der Benediktiner-Abtei, die zuvor in Reichenbach ihren Sitz hatte, aus der damaligen Ortschaft Emmingen das Kloster St. Ottilien. Namensstifterin war die bei Wallfahrern beliebte Ottilienkapelle. Auch Pater Andreas Amrhein und seine 17 „Zöglinge“, also Buben, die Priester werden wollten, bezogen das vormalige Schloss und führten dort ihren Unterricht fort. „1891 wurde schrittweise der Lehrplan der bayerischen humanistischen Gymnasien übernommen, 1895 war erstmals von einem ‚geordneten Schulbetrieb‘ nach staatlichen Vorgaben zu sprechen“, weiß Luzia Praxenthaler. 1897 legten die ersten beiden Schüler ihr Abitur ab. Fünf Jahre später wurde die staatliche „Genehmigung für eine höhere Lehranstalt“ erteilt und die Schülerschar wuchs bis 1927/28 auf 469 an.

Mit der Machtübernahme der Nazis folgte eine Zäsur: Schon 1938 wurde der stufenweise Abbau der Schule angeordnet, sodass die Schulleitung bis 1940 alle verbliebenen Klassen nach Dillingen umsiedelte. „Doch die Verlagerung blieb vor der Gestapo nicht lange geheim“, berichtet Veronika Walhöfer. Im März 1941 wurde die gesamte Erzabtei St. Ottilien enteignet, in den Seminarräumen entstand ein Kriegslazarett. Dillingen wurde nach der Inhaftierung aller Erzieher zum staatlichen Schülerheim erklärt. Sämtliche Gymnasiasten verließen das Seminar, während die Mönche und älteren Schüler zum Kriegsdienst einberufen wurden. Von 69 Schülern kehrten nur 38 von der Front zurück.

Ab September 1945 begann auch in St. Ottilien der Neuanfang. Die Schülerzahl pendelte sich bei 200 ein, 1950 legte wieder eine Klasse ihr Abitur ab. Das Schulleben blieb derweil religiös geprägt, weiß Carolina Loeff: „Die Jungen besuchten die täglichen Hausgottesdienste sowie an Sonn- und Feiertagen den in der Abteikirche. Außerdem hörten sie Vorträge, die der Motivation zur klösterlichen ‚Berufung‘ dienten.“ Bis Ende der Fünfzigerjahre traten die Abiturienten beinahe vollständig ins Kloster ein. Doch es regte sich Unmut, der Kontrast zwischen Jung und Alt wird spürbar.

Der Zahl der Neuaufnahmen tat dies keinen Abbruch. Das Missionsseminar St. Ottilien heißt seit 1965 „Rhabanus-Maurus-Gymnasium“. „Der heilige Rhabanus gilt als ‚primus praeceptor Germaniae‘, der die klassische Bildung in Deutschland verbreitet hat“, erklärt Nadine Hampl. Um den Fortbestand zu sichern, setzten sich bis 1977 zahlreiche Veränderungen durch: Die Aufnahme von „Laien“ neben dem berufsbezogenen Seminar markiert einen Meilenstein. „Externe“ stoßen zu den „Internatlern“ und auch Protestanten aus der Umgebung finden sich in der Schülerschaft, wie Fanny Geiselhart darstellt. „Die prägendste Veränderung war jedoch die Umstellung der Knabenschule auf Koedukation.“ Denn im September 1973 kommen die ersten Mädchen nach St. Ottilien. Auch zahlreiche bauliche Projekte, wie das Tagesheim und das Hallenbad, fallen in diese Zeitspanne.

Doch die Unterhaltskosten steigen, weitere Neubauten sind überfällig und es mangelt an Lehrkräften. Sogar eine Schließung der Schule steht im Raum, doch eine knappe Mehrheit ringt sich dazu durch, „unsere Schule ab 1. Januar 1977 in die Arme des Schulwerks der Diözese Augsburg zu werfen“, wie Oberstudiendirektor P. Bernward Zint damals formuliert. Carina Roth bewertet diese Entscheidung als „den Grundstein für das Fortbestehen St. Ottiliens“. Denn das Schulwerk setzt auf Expansion – das Gymnasium seinerseits bleibt auf der Suche nach einem Kompromiss zwischen traditioneller Überschaubarkeit und missionarischer Offenheit. Im Jahr 1991 lindert ein Erweiterungsbau, der anlässlich der 100-Jahr-Feier eingeweiht wird, die Platznot. Zur gleichen Zeit beginnt der Circus St. Ottilien sich „zum Höhepunkt im Schulleben eines jeden Ottilianers“ zu entwickeln, wie Jonas Holupirek ausführt.

Laura Gum stellt fest: „An diesem humanistisch-neusprachlichen Gymnasium wird Altes mit Neuem vereint, die Möglichkeiten sind so facettenreich wie die Interessen der Schüler. Neben dem Angebot Altgriechisch und der fast schon heiligen Pflicht, Latein zu lernen, werden noch zusätzlich Englisch, Französisch, Italienisch und sogar Chinesisch angeboten; womit St. Ottilien beweist: Unsere Schule ist offen für Neues.“ Und genau darum ginge es. „Ob ein Schüler nun nach den Sternen greifen will, zum Beispiel in der neu eröffneten Sternwarte, ist ihm überlassen, aber aus ihm wird hier eine Persönlichkeit.

Rasso Schorer

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