Liebe in Worten

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Cyrano (Johannes Schön, links) warnt den Comte de Guiche (Sven Hussock) vor weiteren Annäherungsversuchen an die geliebte Roxane (Hannah Moreth).

Landsberg – Alle drei tragen Nasen. Lange Nasen. „Warum fixieren Sie meine Nase?“, fragt einer. „Ach, sie ist groß. Ist das alles?“ Dem Poeten und Freidenker Cyrano de Bergerac wären da sicher fabulierendere Ausdrücke eingefallen. Er, der von seinem markanten Riechorgan so geplagt wird, dass sein Selbstwertgefühl im Grunde nicht vorhanden ist. In der Cyrano-Inszenierung der Moreth Company im Landsberger Sommertheater ziehen die drei Mimen die Pappnasen nach dem Intro aus. Selbst Cyrano braucht sie nicht: Das Spiel der drei ist so überzeugend, dass perfekte Illusion ohne reale Hilfsmittel entsteht.

Der große Cyrano (Johannes Schön) kann mit der Feder ebenso gut wie mit dem Degen umgehen. Natürlich zieht er die Waffe, wenn der schmierige Comte de Guiche sich wie eine Schnecke an Cyranos Cousine Roxane (Hannah Moreth) anschleimt und „sie mit seinem Froschauge“ verschlingt. Dessen Dichtkünste sind eher mangelhaft: „Ihr Haar ist so blond. So gar nicht gefärbt.“ Das kann Cyrano besser. Und auch im Fechten schlägt er den Comte, denn „beim letzten Vers, da stech ich.“ Roxane dankt Cyrano überschwänglich für seine Hilfe. Aber Cyrano will ihren Dank nicht. Was er will ist ihre Liebe. Aber mit der Nase? Manchmal fühle er sich so hässlich, gesteht er seinem Compagnon. Dessen Antwort: „Manchmal?“

Roxane verguckt sich in den Falschen. Christian de Neuvillette (Sven Hussock) dient wie Cyrano im Regiment der Gascogner Kadetten. Hübsch ist er und gnadenlos einfältig. Romantische Dichtkunst? Fehlanzeige: „Ich habe das Maul voll Zähnen, wenn ich eine Frau sehe“. Gerne leiht Cyrano dem hilflosen Bub seine Worte, um das Fräulein zu becircen. Denn so kann er zumindest seine Gefühle enthüllen, wenn auch anonym. Es kommt zum Treffen vor einem Shakespeareschen Balkon, auf dem die Geliebte sehnsuchtsvoll wartet. Christian versucht es mit eigenen Worten, doch mehr als ein „Ich hab Euch lieb“ kommt da nicht. Cyrano flüstert ihm ein, leiht ihm gar die Stimme – bis Roxane einen Kuss gewährt. Für Christian. Der dabei auf Cyranos Schultern steht. Das Liebespaar hat sich gefunden.

Die Schauspieler überzeugen. Schön gibt den gewandten Poeten mit überzeugenden Versen – er dichtet gar auf bayerisch – und galanter Gestik, durch die immer wieder Unsicherheit hindurchschimmert. Moreth erschafft eine geerdete, nicht zu mädchenhafte Roxane und Hussock ist ein wirklich widerlicher de Guiche und ein wunderbar einfältiger Christian. Kleine Gimmicks wie eine Zeitrafferszene, die die quälenden Sekunden verdeutlicht, wenn Cyrano auf Roxane wartet, geben dem Stück noch mehr Tempo und Esprit. Das Bühnenbild (Christina Burde) besticht vor allem durch seine Einfachheit und Originalität: eine weiße Nase auf schwarzem Hintergrund, deren Flügel beweglich sind und so auch mal zur Treppe oder zum Schützengraben werden können. Philipp Ostermeier sorgt wie schon bei den „Gefährlichen Liebschaften“ für passende, aber nicht zu dominante Musik.

Ursprünglich von Edmond Rostand für 60 Schauspieler geschrieben, macht die Bearbeitung von Jo Roets und Greet Vissers daraus drei. Hussock muss eben auch noch „den ganzen Rest“ spielen. Das wird besonders amüsant, wenn er am Balkongeländer hängend zum Mönch wird: Die Kutte wirft ihm Roxane von oben über. Doch als er sich vom hängenden Mönch zum herannahenden de Guiche wandeln soll, platzt ihm der Kragen: „Das ist nicht auszuhalten!“

In einem herzerfrischenden Monolog ereifert er sich über seine Schauspielkollegen, die dabei peinlich berührt zu Boden blicken. Doch keine Sorge: „Diese eine Vorstellung spiele ich noch. Nur für Sie!“ Das funktioniert gut, auch als Bruch zwischen Komödie und dem Drama, das ab jetzt seinen Lauf nimmt. Passend begleitet von Donnergrollen und ersten Regentropfen, die Zuschauer und Bühne ins Innere des Stadttheaters verbannen.

Das Regiment muss an die Front, zum Krieg gegen die Spanier. Cyrano schmuggelt von der Front Briefe an Roxane, bis diese selbst erscheint. „Ich liebe dich wegen deiner Worte“, gesteht sie Christian, „ich liebte dich, auch wenn du hässlich wärest.“ Christian erkennt, dass er Roxane nicht länger belügen kann. Das tiefe Innere siegt über das schale Äußere. Gerade will er die Identität des Briefeschreibers aufdecken, da wird er getötet.

14 Jahre später. Roxane ist im Kloster, wo sie ihr alter Freund jeden Samstag besucht, auch als er auf dem Weg zu ihr verletzt wird. Mit letzter Kraft schleppt er sich zu ihr und liest ihr in tiefster Dunkelheit den letzten Brief Christians vor. Er kann ihn in- und auswendig. Roxane stutzt: „Wie könnt ihr lesen, es ist Nacht?“ Und versteht. Dieser „zungenfertige Schlagwortdrechsler“ ist der Briefeschreiber, ist ihre große Liebe. Doch die Erkenntnis kommt zu spät: Cyrano stirbt in ihren Armen.

Eine rundum gelungene Inszenierung unter Konstantin Moreths Regie, die hervorragend in den Theatergarten des Stadttheaters passt. Bleibt es, auf besseres Wetter für die kommenden Vorstellungen zu hoffen: 4. August bis 7. August jeweils ab 21 Uhr.

Susanne Greiner

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