Rosenkrieg nach 50 Ehejahren

50 Jahre Ehe standen am Dienstag voriger Woche auch vor Gericht als gegen einen 77-jährigen Dieß- ener wegen Körperverletzung verhandelt wurde. Der Mann soll seine 80-jährige Frau mit Gegenständen geschlagen haben, sodass die alte Dame blutüberströmt vom Balkon ihrer Villa sprang. Dies war wohl der traurige Höhepunkt vieler Streitereien in dem langen Zusammenleben der beiden, die offensichtlich nicht ohneeinander, aber auch nicht miteinander können. Denn inzwischen haben sich die Eheleute wieder versöhnt. Dem cholerischen alten Herrn legte Richterin Beate Kreller für seine Gewalt­- tätigkeiten eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf.

„Zu 90 Prozent haben wir verbale Auseinandersetzungen gehabt“, hatte der als Künstler tätige Dießener erklärt. Seine Version der Vorfälle im Oktober und November letzten Jahres unterschied sich von der Anklageschrift, die Staatsanwältin Cornelia Seidl verlas. „Ich möchte das alles korrigieren“, begann er seine Stellungnahme. Der Vorwurf Nummer eins – er habe die 80-Jährige mit einer Kupferpfanne auf den Kopf geschlagen – stimme nicht. Beim nächsten Eklat einen Monat später, habe er seiner Frau nur eine Ohrfeige gegeben. „Eine Geste der Bestrafung“, wie er sagte, denn sie hätte die Toilette völlig verschmutzt hinterlassen. Seine Frau beschrieb er als oft verwirrt, sie sehe außerdem sehr schlecht. Versehentlich habe er sie mit der Hand direkt im Gesicht getroffen. Tatsache war aber, dass die Geschädigte laut ärztlichem Gutachten Platzwunden, Schwellungen und Hämatome am Kopf und weitere Verletzungen an den Händen hatte. „Starke Blutungen aus allen Wunden“, hatte der Arzt zudem festgestellt. Wie sich alles tat­sächlich zugetragen hatte, konnte nur mühevoll nachgezeichnet werden. Die 80-jährige Dießenerin beklagte selbst ihr schlechtes Erinnerungsvermögen. Nach und nach kam doch ans Licht, dass ihr Mann sie bei dem großen Streit im November in ihrem Zimmer angegangen war und sie mit Holzriegeln eines Nachtschränk- chens geschlagen hatte. In ihrer Not sei sie dann raus auf den Balkon und von dort aus auf die Terrasse gesprungen. Auf den dort stehenden Gartentisch war sie gefallen. Zum Streit meinte die betagte Dame: „ Wissen sie, wenn man richtig wütend ist, sagt man Dinge, die idiotisch sind.“ Ihre eigenen Angaben gegen­über der Polizei, kurz nach dem Vorfall, hatte sie mit einem Brief widerrufen wollen. Zu hart und krass erschienen ihr die Vorwürfe, die sie gegenüber ihrem Mann formuliert hatte. Zur Retterin wurde eine Freundin ihres Gatten, die drei Jahre mit dem 77-Jährigen eine Liaison gehabt hatte. Nach ihren Terrassensprung rief die 80-Jäh­rige diese in einer Telefonzelle nahe ihres Hauses an. Die Bekannte, die sich heute um die Tabletten des Angeklagten kümmert, nahm die alte Dame auf und setzte sie erst einmal in die Badewanne. „Blut lief vom Kopf herunter“, schilderte sie ihren Eindruck der Verletzten. Über ihren früheren Partner sagte sie: „Er ist sehr cholerisch, aber handgreiflich geworden ist er nie.“ Als sehr glaubwürdig schätzte Kreller diese Zeugin ein. „Der Sachverhalt hat sich bestätigt“, schloss die Richterin. Anhand der Freundin erschloss sich auch, wie das Zusammenleben der beiden aus Belgien stammenden Eheleute gewesen sein musste: Die Frau schien zurückgezogen in ihrem Zimmer gelebt zu haben. Wenn ihr Ehemann Freundinnen mitbrachte, erschien sie gar nicht auf der Bildfläche. Und die Zeugin war wohl eine von mehreren Musen, die der ein Malereiatelier führende Mann im Laufe seines Lebens neben seiner Gattin gehabt hatte. Wie zu einem Mosaik hätten sich die Fakten zusammensetzen lassen, meinte Richterin Kreller – auch wenn die Aussage der Frau unter Vorbehalt stünde. Die 80-Jährige hatte schließlich auch vorgebracht, dass sie sich öfter mal an etwas stoße. Aber auch der Bericht einer Dießener Polizeibeamtin sprach für Handgreiflichkeiten des Ehegatten gegen seine Frau. Die Polizei war vor Ort gewesen, hatte sich das Zimmer der 80-Jährigen angeschaut und dabei besagte Holzriegel entdeckt, die mit Blut befleckt waren. Diese Spuren deuteten nicht auf Selbstverletzungen hin, die Schnittverletzungen an den Händen der Frau rührten von ihren Abwehrbewegungen gegen die Schläge des Mannes, wie die Richterin ausmachte. Zudem hatte sie festgestellt: „Die Verletzungen sind auch nicht durch den Sprung vom Balkon zu klären.“ Inzwischen lebt die 80-Jährige allein – im Betreuten Wohnen – in Dießen. Die Eheleute besuchen sich aber noch, wie beide erzählten: „Wir frühstücken jeden Morgen zusammen.“ Staatsanwältin Seidl bewertete das positiv, denn dadurch gebe es weniger Konfliktpunkte. In ihrer Strafzumessung hatte sie ein Jahr und sechs Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung ausgesetzt gefordert. Rechtsanwalt Marcus Becker wollte mildernde Umstände für seinen Mandanten geltend machen und schlug eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen á zehn Euro vor. Doch daraufhin ließ sich Kreller nicht ein, sondern verurteilte den 80-Jährigen zu einem Jahr und drei Monaten Freiheitsstrafe, die sie zur Bewährung aussetzte.

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