Schatten der Vergangenheit

Karla Schönebeck informiert in einer einzigartigen Führung über „Landsbergs Braune Schatten (von links): Stadträtin Barbara Juchem, Renate Neuner, kath. Pfarrer Reiner Hartmann, Oberbürgermeister Mathias Neuner, Karla Schönebeck, ev. Pfarrer Detlev Möller mit Ehefrau sowie Ulla Kurz. Foto: Kruse

Es ist ein heikles Thema und es führt immer wieder zu erbitterten Debatten: Die Rolle Landsbergs und seiner Bürger im Dritten Reich. Diese „polarisierte Diskussion“ störte Karla Schönebeck – sie bietet jetzt eine Stadtführung unter dem Motto „Landsbergs Braune Schatten“ an und meint: „Es ist Zeit, das zu objektivieren“. In gut anderthalb Stunden führt sie durch die Altstadt.

Im Gegensatz zur existierenden städtischen Führung „Landsberg im Dritten Reich“ – sie findet nur zweimal jährlich statt – stehen bei Schönebeck nicht Landsberger Gebäude, sondern Personen im Vordergrund. Die renommierte Journalistin hat lange und viel recherchiert und kann ihren Zuhörern somit einen unerschöpflichen Fundus an Informationen präsentieren. Eine zentrale Rolle spielt dabei dann aber doch ein Bauwerk: Karla Schönebeck wohnt im Bayertor, beginnt die Führung in der dortigen Turmstube und erinnert zuallererst an Adolf Hitler, der sich nach seiner Entlassung aus der Festungshaft 1924 vor dem spätgotischen Turm fotografieren ließ. Viel Grundlegendes hat Schönebeck parat, aber auch viel Spezielles. So erfahren die Teilnehmer, dass Wilhelm Ritter von Leeb Hitler zwar einen „verblendeten Narr“ und „Verbrecher“ nannte, ihn das aber nicht daran hinderte, zwei große Schenkungen vom „Führer“ anzunehmen, für die er sich dann auch artig bedankte. Oder etwa Schriftsteller und Religionslehrer Peter Dörfler, nach dem die Lechpromenade benannt ist: Er bekam seinen Platz in der Preußischen Akademie der Künste, nachdem von den Nazis 40 Mitglieder „entfernt“ worden waren und gehörte zu den 88 deutschen Schriftstellern, die 1933 das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ an Hitler unterschrieben. Weniger bekannt ist Dr. Freiherr von Lützelburg. Der angesehene Botaniker wurde in einem Haus am Hauptplatz geboren und widmete sich später als SS-Sturmbannführer im Konzentrationslager Dachau der Erforschung von angeblich krebsheilenden Pflanzen, die er an Häftlingen in Menschenversuchen erprobte. Dass über ihn praktisch nichts mehr zu finden ist, weiß Carla Schönebeck ebenfalls zu begründen: „Als Dachau befreit wurde, haben die Amerikaner alle Unterlagen mitgenommen. Wer etwas über den Freiherrn Lützelburg wissen will, muss heute also eher in den USA danach suchen.“ Auch den Todesmarsch der Häftlinge aus den insgesamt elf Landsberger KZ-Außenlagern thematisiert sie, spricht aber auch an, dass die „Befreiten“ sich später genauso über ihre amerikanischen „Befreier“ beklagten, die sie Hunger leiden ließen und mehrere Frauen vergewaltigten. „Menschen sind fähig, einander alles anzutun, auf welcher Seite auch immer.“ Breiten Raum nimmt in der Führung eines der umstrittensten Landsberger Themen ein: Die Verwendung der Justizvollzugsanstalt als „War Criminal Prison Nr. 1“ nach dem Krieg. Den Umgang der Landsberger mit diesem Punkt findet Schönebeck schwierig: „Es heißt, dort wurden Nazi-Funktionäre hingerichtet. Warum sagt man nicht einfach Kriegsverbrecher?“ Älteren Landsbergern gut bekannt, für jüngere wohl kaum vorstellbar auch die Solidarisierung der Bevölkerung mit den letzten Insassen des Gefängnis', die erst vor einem Jahr der Wochenzeitung „Die Zeit“ einen größeren Artikel wert war: Die Demonstration zugunsten von NS-Verbrechern 1951 in Landsberg sei in eine „antisemitische Kundgebung“ ausgeartet, hieß es dort. Der Themenkomplex ist riesig, die Führung wird sich auf Teilbereiche beschränken müssen, um die Teilnehmer nicht zu überfordern. Carla Schönebeck weiß das: „Ich werde die Führungen dem Wissensstand der Teilnehmer anpassen“, sagt sie. „Landsberger und Auswärtige haben unterschiedliche Voraussetzungen.“ Sie wolle außerdem vor allem junge Menschen, Schulen und Bildungseinrichtungen für die Führung gewinnen. Ihr Engagement soll kein Selbstzweck sein: „Landsberg kann erwachsener mit dem Thema umgehen.“ Am Ende des Weges könnte eine Entwicklung wie in Flossenbürg stehen. In dem oberpfälzer Ort habe man ebenfalls die Vergangenheit lange vernachlässigt, sie jetzt aber vorbildlich aufgearbeitet. „Das würde ich mir auch für Landsberg wünschen, auch mit einem entsprechenden Internet­auftritt.“ Die nächste Führung „Landsbergs Braune Schatten“ findet am Sonntag, 17. Juni, statt. Treffpunkt ist um 15 Uhr am Bayertor. Anmeldungen unter Telefon: 08191/4286391 möglich.

Meistgelesene Artikel

Ein Kreisverkehr ist out

Kaufering – Pendler, die morgens zur Hauptverkehrszeit auf der alten B17 in Richtung Landsberg unterwegs sind, kennen das Problem zur Genüge. Wenn …
Ein Kreisverkehr ist out

Noch ein Protest-Kunstwerk

Holzhausen – Wie einst Asterix und seine Gallier gegen die Römer kämpfen Daniel Fusban und seine Holzhauser Mitbürger gegen die übermächtige …
Noch ein Protest-Kunstwerk

Alarmstimmung bei der Feuerwehr

Kaufering – Die Freiwillige Feuerwehr der Marktgemeinde hat Nachwuchssorgen. Das war eines der brennenden Themen auf der diesjährigen …
Alarmstimmung bei der Feuerwehr

Kommentare