Geschichte erlebbar machen

+
Über 120 Schüler der Mittelschule Landsberg halfen den Archäologen bei der Freilegung der Fundamente in Kaufering VII – ohne sie wäre einiges nicht entdeckt worden.

Landsberg – Es geht um „unbequeme Denkmale“, um „die Annäherung an ein immer noch schwieriges Thema“: Im Rahmen des „denkmal aktiv“-Projektes der Mittelschule Landsberg eröffnen die beteiligten Schüler am heutigen Mittwoch ihre selbst konzeptionierte Ausstellung auf dem Gelände der Europäischen Holocauststiftung in Landsberg – am 71. Gedenktag zur Befreiung der Konzentrationslager des Lagerkomplexes Kaufering. Das Engagement der Schüler reicht weiter: Nach der Gedenkfeier in der Welfenkaserne werden sie selbst zwischen 13 und 16 Uhr die Besucher durch die Ausstellung und das Lager Kaufering VII führen.

„Diese Schüler habe ich zum ersten Mal bei einem anderen Projekt im Rahmen von ‚denkmal aktiv‘ bemerkt“, erzählt Rektor der Mittelschule Christian Karlstetter: Sie hatten einen Vortrag zum Thema „Rechtsradikalismus in Bayern“ erarbeitet, den sie in allen Klassen der Mittelschule hielten. „Das war großartig“, erinnert sich Karlstetter, „und da habe ich gefragt, ob sie Lust haben, als ‚Reiseleiter‘ zu fungieren.“

Die Idee für das Projekt kam Karlstetter bei einer Besichtigung von Kaufering VII zusammen mit dem Präsidenten der Holocaust Gedenkstätte Stiftung Manfred Deiler. Karlstetter betrat da eher ungewohnte Pfade: „Die meisten Schulen bei solchen Projekten sind Gymnasien. Aber ich habe unsere Ergebnisse kürzlich in Feuchtwangen vorgestellt – und wir haben da eindeutig den Vogel abgeschossen.“ Deiler erzählt, dass sogar die Landeszentrale für politische Bildung positiv auf die Mittelschule aufmerksam geworden sei: „Und jetzt haben sie ein zusätzliches Projekt mit Mittelschulen zum Thema Holocaust gestartet.“

Die Neuntklässlerinnen Johanna Jarosch und Jennifer Czorny sind zwei der insgesamt vier Schüler, die durch die Ausstellung führen. „Wir beginnen mit den von uns gestalteten Plakaten, die am Bauzaun hängen.“ Darauf sind Informationen zu den Themen, mit denen sich im Lauf des über einjährigen Projektes Schüler von der 8. bis zur 10. Klasse beschäftigt haben: Die Rüstungsbauten der Organisation Todt, das sogenannte „Weingut II“, der Bahnhof Kaufering als Ankunftsstelle der registrierten 22.995 Häftlinge, die KZ-Friedhöfe im Landkreis, auf denen über 6000 dieser Menschen in Massengräbern begraben wurden. Diese Zahlen aus den inzwischen zugänglichen Lagerlisten sind Fakt. „Man muss davon ausgehen, dass die Zahl der Opfer im Landsberger Raum weit höher ist“, ist auch auf dem Plakat zu lesen.

Über 120 Schüler halfen den Archäologen bei den Ausgrabungen: „Dank dem großen Engagement der Schüler konnten weitaus mehr Fundamente freigelegt werden, als geplant“, erzählt Karlstetter euphorisch. Auch Deiler ist von den Schülern begeistert: „Ich habe sehr viel von ihnen gelernt.“ Es sei wichtig, den Jugendlichen nicht nur die Geschichte zu erzählen, sondern sie erlebbar zu machen. Die Öffnung des Geländes für das Schulprojekt sei Neuland gewesen, habe aber ein hervorragendes Ergebnis: eine andere Art der Erinnerungsarbeit, die wirklich erinnert werde.

Im Gewölbe einer Tonröhre im Lager VII befanden sich zwei Unterschriften, die die Schüler anhand der Lagerkartei Adel und Szidonia Löwy zuordnen konnten. Vorerst nur Buchstaben wurden die Namen lebendig: Die beiden Häftlinge, so fanden die Schüler heraus, konnten Ende der 40er Jahre nach Israel auswandern. Tatsächlich gelang es den Schülern, mit Adels Sohn in Tel Aviv Kontakt aufzunehmen und so die Geschichte ins Heute zu holen. Auch wenn die Ausgrabungen nach der Dokumentation wieder verschlossen werden mussten, gelohnt hat sich die Arbeit auf jeden Fall: „Es war toll, dabei zu sein und selber mitzuarbeiten“, erzählt Jennifer, „so eine Gelegenheit bietet sich nicht jeden Tag.“

Johanna und Jennifer waren schon vor dem Projekt am Nationalsozialismus interessiert. Mit der Zeit sind Fragen aufgetaucht: Was wäre gewesen, wenn man damals gelebt hätte? „Das war alles in unmittelbarer Stadtnähe, die Lagerinsassen waren als Zwangsarbeiter in Landsberg sichtbar, aber ich weiß nicht, was ich getan hätte“, sagt Johanna. Und Beide fragen sich, ob sie mit ihren polnischen Wurzeln selbst in ein Lager gekommen wären. Karlstetter hofft auf eine Dauerausstellung: Ab dem 3. Mai ist die Ausstellung im Stadttheater untergebracht, danach sollen die Plakate in einem der Tonröhrengebäude Platz finden – so ist es zumindest angedacht. „Und die vier Schüler sollen auch ihre Nachfahren anlernen“, konkretisiert der Schulrektor. Jennifer und Johanna freuen sich schon darauf, die „nächste Generation“ zu schulen.

Die Ausstellung zeige, „in welcher Weise Menschen verfolgt worden sind, die der Staatsraison im Wege standen.“ Und im Moment kippe die Stimmung ja wieder in diese Richtung, weshalb sie gerne ihr Wissen weitergäben: „Wir wollen mit dem Projekt und unserem Engagement dazu beitragen, dass so etwas nie wieder passiert.“ Die vier Schüler, die durch die Ausstellung leiten, wurden als Auszeichnung für ihre Arbeit zu der geschlossenen Veranstaltung in der Welfenkaserne eingeladen. Sie dürften dort die einzigen Vertreter ihrer Generation sein.

Susanne Greiner

Meistgelesene Artikel

Vier Etagen und viel Licht

Landkreis – Es sei lediglich eine „graphische Umsetzung des Flächenbedarfs; kein Plan, keine Lösung“, betont Hochbauamtschef Christian Kusch mit …
Vier Etagen und viel Licht

Keine "Blutmahlzeiten" mehr

Eching – Im letzten Sommer, geprägt von starken Regenfällen und Hochwasser, war es besonders schlimm mit der Mückenplage rund um den Ammersee. …
Keine "Blutmahlzeiten" mehr

Ein Londoner Architekt formt den Lechsteg

Landsberg – Der aus Deutschland stammende Architekt Dirk Krolikowski vom Londoner Architekturbüro DKFS wird gemeinsam mit dem Münchener Ingenieurbüro …
Ein Londoner Architekt formt den Lechsteg

Kommentare