Schusswunden und 70 Grad im Zelt

Die Arbeit im Feldhospital des Internationalen Roten Kreuzes in Carrefour, Haiti, war wie ein Wechselbad für Daniela Wegele. Als Krankenschwester ist sie den Umgang mit Verletzten gewohnt. Als ehrenamtliche Rettungsassistentin für das Rote Kreuz bewahrt sie auch in Notfallsituationen einen kühlen Kopf. Doch als kurz nach ihrer Ankunft der erste Patient mit Schussverletzungen eingeliefert wurde, hatte das mit Routine nichts mehr zu tun. „Das hat mich erst mal umgehauen und mir bewusst gemacht: das ist kein normaler Einsatz.“, so Wegele.

Aufgrund der Medienberichte über das Erdbeben in Haiti war Daniela Wegele auf das Schlimmste gefasst. Als sie und die anderen Helfer des zweiten Hilfstrupps des Internationalen Roten Kreuzes in Port au Prince ankamen, waren gut sechs Wochen seit der verheerenden Katastrophe vergangen. Sie war überrascht, in welcher Fülle sich das Leben auf der Straße abspielte. Auf dem Weg vom Flughafen zum Krankenhaus sah sie, wie inmitten der Trümmer ein Markt abgehalten wurde, auf dem Obst und Gemüse verkauft wurde. Doch dieser erste Eindruck wurde schnell relativiert. Als sie an einem größeren Trümmerhaufen vorbeifuhren, drang für einen Moment süßlicher Verwesungsgeruch in den Bus. Hier sei allen Helfern wieder bewusst geworden, dass viele Menschen ihr Leben verloren hatten und sie sich die kommenden sechs Wochen um die Überlebenden kümmern würden, erinnert sich Wegele. In diesen Wochen ihres Einsatzes hat Daniela Wegele sehr, sehr vielen Menschen geholfen. Im Schnitt waren es 200 Patienten, die sie und andere Helfer täglich ambulant versorgt haben. Meist litten diese an schweren Wundinfektionen, die aufgrund der problematischen hygienischen Lebensbedingungen der Patienten entstanden sind. Darüber hinaus befanden sich rund 100 Patienten in stationärer Behandlung. Von diesen wurden täglich 14 operiert. Auch hier assistierte Wegele. Sie war 24 Stunden in Bereitschaft. Womit sie nicht gerechnet hatte, waren die vielen Schussverletzungen und Messerschnittwunden. Auch die häufigen gynäkologischen Blut- ungen, die als Folge der von den Frauen selbst herbeigeführten Abtreibungen auftraten, erschütterten Daniela Wegele. Es war diese Art der Wunden, die ihr immer wieder vor Augen führten, dass noch lange keine Normalität in Haiti herrscht, auch wenn auf einem Markt Obst und Gemüse verkauft wird. Und dass der Hilfseinsatz in einem Katastrophengebiet mit dem normalen Arbeitsalltag in einem deutschen Krankenhaus nicht vergleichbar ist. „Bei uns kann jeder die 112 anrufen und ihm wird geholfen. Davon sind die Menschen in Haiti weit entfernt. Das kann den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.“, fasst Daniela Wegele ihre Sicht auf die Not der Menschen in Haiti zusammen. Auch die Lebensbedingungen waren für die Landsbergerin nicht einfach. Die Zelte, die ohne Schatten auf einem freien Platz stehen, heizten sich manchmal bis zu 70 Grad auf. Die Kühlschränke mussten von außen zusätzlich mit Ventilatoren gekühlt werden. Daniela Wegele erinnert sich: „Kalte Duschen, die Dixie-Toiletten und die gute Feldküche waren unser ganzer und von allen sehr geschätzter Luxus.“ Auf die Frage, was sie am meisten beeindruckt hat, antwortet sie. „Das Helfen selbst.“ Menschen in einem armen und von einer derartigen Katastrophe geschundenen Land zu helfen, sei elementarer und bedeutungsvoller als alles was sie je gemacht habe. „Und es war der Zusammenhalt und die Solidarität der vielen Rotkreuzhelfer aus aller Herren Länder, die nur für diesen einen Zweck gekommen waren: zu helfen.“

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